Rechtsextremismus : Städte schaffen Gedenkorte für Neonazi-Opfer

Ombudsfrau Barbara John hatte für die Opferfamilien immer Gedenkorte gefordert. Jetzt kommen sie - nur die Hinterbliebenen wurden nicht einbezogen. Das sei gedankenlos von den Bürokraten, findet John.

von
Barbara John, ehemalige Ausländerbeauftragte des Berliner Senats.
Barbara John, ehemalige Ausländerbeauftragte des Berliner Senats.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Nach der Neonazi-Mordserie wollen die sieben betroffenen Städte gemeinsam an die Opfer des rechtsextremen Terrors in Deutschland erinnern. Dafür sollen Gedenkorte errichtet werden. Die Zwickauer Gruppe soll neun Kleinunternehmer türkischer und griechischer Herkunft sowie eine deutsche Polizistin ermordet haben. Die Ombudsfrau der Bundesregierung, Barbara John, kritisierte das Vorgehen im Tagesspiegel: „Von den Angehörigen wusste wieder niemand Bescheid. Keine Kommune hat vorher mit ihnen gesprochen, dabei hätten sich viele Familien gewünscht, wenigstens einen Textentwurf zu sehen“, sagte John. Sie halte das Vorgehen für „typisch deutsch, die Bürokraten denken sich was aus, und das müssen alle gut finden“. Gegenüber den Opfern sei das „gedankenlos“. John selbst hatte im Tagesspiegel angeregt, Gedenktafeln oder Gedenkorte zu schaffen.

Auch die Anwälte der Opfer wussten nichts von der Erklärung. Jens Rabe, Anwalt vom Semiya Simsek, deren Vater im Jahr 2000 mutmaßlich von der Zwickauer Terrorzelle getötet wurde, sagte dem Tagesspiegel: „Es ist bedauerlich, dass die Hinterbliebenen nicht in den Prozess eingebunden worden sind. Dieses Vorgehen ist wirklich ungeschickt. Zumindest ist es nicht sensibel, denn für die Familien ist das Thema sehr wichtig. Dazu hätten sie sich gerne eingebracht.“

Die Stadt Kassel hat bereits beschlossen, dass ein Platz nach Halil Yozgat benannt wird, der 2006 ermordet wurde. Der Vater, Ismail Yozgat, hatte sich bei der Gedenkfeier im Konzerthaus gewünscht, dass die Straße, in der sein Sohn geboren und ermordet wurde, in Halil-Straße umbenannt werde. Yozgat wurde am Dienstagnachmittag telefonisch informiert. Die Oberbürgermeister haben sich bereits auf folgende Inschrift für die Gedenktafel festgelegt: „Neonazistische Verbrecher haben... zehn Menschen in sieben deutschen Städten ermordet: Neun Mitbürger, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat fanden, und eine Polizistin. Wir sind bestürzt und beschämt, dass diese terroristischen Gewalttaten... nicht als das erkannt wurden, was sie waren: Morde aus Menschenverachtung. Wir sagen: Nie wieder!“ ale

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben