Kenan Kolat : "Ich bekomme immer wieder Hass-Mails"

22.01.2012 00:00 Uhr

"Die Debatte über Integration ist nicht ehrlich." Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, über die Neonazi-Morde, einen deutschen Mangel an Sensibilität – und schlaflose Nächte.

"Die Debatte über Integration ist nicht ehrlich."

Seit 1990 haben Rechtsextremisten mindestens 148 Menschen getötet, zählt man die zehn Mordopfer der Terrorgruppe mit. Bundesregierung und Polizei haben als letzte Zahl lediglich 48 Tote genannt. Wie bewerten Sie den Unterschied?

Das ist für mich völlig unverständlich. Wir haben das kürzlich bei Vertretern des Bundesinnenministeriums, des Justizministeriums und des Familienministeriums thematisiert. Mir wurde dann gesagt, wenn bei Gewaltverbrechen von Rechtsextremisten kein politischer Hintergrund zu erkennen sei, würden die Delikte auch nicht in der Statistik notiert. Da sind wir wieder bei dem Problem, dass nicht genau genug hingeschaut wird. Ich fordere von der Bundesregierung, mir zu jedem einzelnen Fall, der nicht offiziell als rechtes Tötungsverbrechen registriert ist, die Gründe zu nennen.

Sie fordern auch, generell nicht mehr von Integration zu sprechen, sondern den Begriff der Partizipation zu verwenden.

Die Debatte über Integration ist nicht ehrlich. Der Begriff Integration entspricht dem Verlangen der deutschen Mehrheitsgesellschaft, dass die hier lebenden Türken und anderen Migranten sich anzupassen haben. Mir geht es aber darum, über Partizipation zu reden, also Teilhabe, kulturelle Vielfalt und Demokratie. Dazu gehört, dass endlich die Mehrstaatigkeit, die ich auch habe, gesetzlich ein Normalfall werden soll. Und es geht um Teilhabe von Migranten in Institutionen wie beispielsweise den Rundfunkräten. Und warum gibt es in Deutschland keinen einzigen Schulleiter türkischer Herkunft?

Wie stellen Sie sich eine gemeinsame Zukunft von Deutschen, türkischstämmigen Deutschen und Türken vor?

Wir müssen ein Wir-Gefühl entwickeln und mehr Empathie. Dann könnten wir in einer deutsch-türkischen Hybridkultur gut zusammenleben.

Das Gespräch führten Frank Jansen und Armin Lehmann. Das Foto machte Mike Wolff.

Kenan Kolat ist am 24. August 1959 in Istanbul geboren, besuchte dort das österreichische Gymnasium und kam mit 21 Jahren nach Berlin. Berlin und Istanbul seien für ihn die schönsten Städte der Welt, sagt er. Kolat ist SPD-Mitglied und verheiratet mit Dilek Kolat, der Berliner SPD-Senatorin für Arbeit, Frauen und Integration. Er studierte Schiffsbau und wurde, wie er sagt, vom Schiffsbauingenieur zum Gesellschaftsingenieur. Gerade macht er sich selbstständig.Er isst gern Döner und Currywurst, aber auch mal Sauerkraut. Kolat ist Fußball-Fan, Mitglied von Hertha BSC und Fenerbahce Istanbul. ale

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