Live-Blog : Berlin schweigt - und Gauck zeigt sich bei den Angehörigen

Merkel bittet die Opfer der Neonazi-Morde um Verzeihung und verspricht Aufklärung. Auch Angehörige kommen zu Wort. Wir haben die Gedenkveranstaltung live mitgebloggt.

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Zwölf Kerzen gegen das Vergessen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dapd
23.02.2012 11:11Zwölf Kerzen gegen das Vergessen.

Im Berliner Abgeordnetenhaus trat um 13 Uhr Parlamentspräsident Ralf Wieland (SPD) ans Rednerpult. Er bezeichnete die "feigen Morde der Neonazis" als "Angriff auf unsere Gesellschaft". Es sei die "vorderste Aufgabe aller Bürger, antidemokratische Einstellungen an den Pranger zu stellen und sie zu benennen. Die Parteien, die vom rechten Rand ausgingen, dürften nicht unterschätzt werden. Man dürfe nicht zulassen, dass Terror und Angst Einzug halte. In diesem Zusammenhang nannte er die Drohbriefe von Rechtsextremen an Berliner Moscheen.

Um 13:06 Uhr erhoben sich die Abgeordneten zu einer Gedenkminute. Wieland schloss sich im Namen der fünf vertretenen Fraktionen der Bitte um Verzeihung bei den Opfern des rechten Terrors an, die Bundeskanzlerin Merkel auf der Gedenkveranstaltung am Gendarmenmarkt formuliert hatte.

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Die Angehörigen der Opfer der Neonazi-Mordserie sind auf Einladung des türkischen Botschafters in Deutschland nun im türkischen Haus an der Urania eingetroffen. In einem stimmungsvoll eingerichteten Saal wird ein Büffet serviert. Der Botschafter bedankt sich bei der Kanzlerin für den "sehr emotionalen" Staatsakt. Es gibt aber auch einen Überraschungsgast. Denn Joachim Gauck, der Bundespräsident in spe, ist gekommen. Er sei der Einladung des Botschafters "sehr gern" gefolgt. "Aber ich bin hier als Bürger, der Anteil nehmen will und ich werde keine politische Rede halten", sagt er.

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In der Sophie-Scholl-Oberschule in Schöneberg ertönt um 12 Uhr ein Gong. Alle Klassenzimmertüren werden geöffnet, gemeinsam schweigen Schüler und Lehrer. Nach einer Minute ertönt ein weiterer Gong, die Türen werden wieder geschlossen und der Unterricht geht weiter. Genauso haben es auch viele andere Schulen in Berlin geplant. "Es ist gut, dass man in sich geht und sich fragt, warum unser Volk das gemacht hat", sagt hinterher in Schöneberg eine Schülerin. Wie viele andere Schüler versteht sie die Gedenkminute nicht nur mit Blick auf die Opfer neonazistischer Morde, sondern sie denkt auch an die Verbrechen der Deutschen in den Jahren 1933 bis 1945.

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Beim Kulturkaufhaus Dussmann werden die Kunden auf die Schweigeminute hingewiesen. Viele folgen dem Aufruf und verhalten sich ruhig. Nur eine Dame mittleren Alters sieht das anders: "Schweigeminute mache ich nicht mit, denn ich habe keine Zeit."

Frank Jansen zur braunen Gefahr im Video:

Video
Frank Jansen: Die braune Gefahr
Frank Jansen: Die braune Gefahr

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Am S-Bahnhof Friedrichstraße kündigt die Bahn um kurz vor zwölf die Schweigeminute an. Auch auf den Anzeigen wird darauf hingewiesen. Um 12 Uhr hält dann die S 5 nach Strausberg mit offenen Türen. Eine Schulklasse aus Spanien hat von der Schweigeminute nicht viel mitbekommen, aber die Lehrerin ermahnt ihre Schüle, so dass auch die dann ruhig sind - bis auf ein paar Mädels, die kichern, weil die Kameras der ARD auf sie gerichtet sind.

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Die Fahne auf dem Berliner Rathaus weht auf Halbmast. 50 Mitarbeiter treten kurz vor zwölf aus dem Rathaus und versammeln sich vor der Hauptpforte. Sie sind etwas eingeengt zwischen Bauzäunen und damit ziemlich abseits der Öffentlichkeit. Touristen laufen ohne große Beachtung an der Szenerie vorbei. Auch Wowereit ist dabei. Er sehe die Schweigeminute als "gutes Zeichen" und registriere "eine große Anteilnahme". Die Arbeiten auf der naheliegenden Baustelle werden kurz ausgesetzt, doch trotzdem kehrt keine Ruhe ein. Eine Dame aus der Kulturverwaltung sagt, es wäre zu eingepfercht zwischen der Baustelle. "Mann muss doch mit dieser Aktion die Leute erreichen und näher an die Öffentlichkeit." So sei das "nicht zielführend". Eine 28-jährige Rathausmitarbeiterin sagt, sie habe "selber ausländische Wurzeln" und finde die Aktion sehr gut.  Man müsse "ein Zeichen setzen".

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Am Potsdamer Platz nahmen nur wenige an der Gedenkminute teil. Vor dem Bahntower versammelten sich einige Mitarbeiter. Auch ein Geschäftsmann nutzte die Wartezeit auf einen Geschäftspartner, um mit verschränkten Armen an die Opfer zu denken. Ein Bus der Berlin-Touristik hielt ebenfalls. Die Busse der BVG aber fuhren weiter beziehungsweise bis zur nächsten Haltestelle. Viele Touristen und Jugendliche aber liefen normal weiter, die meisten sagen, dass sie nichts von der Schweigeminute wussten.

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12 Uhr: Deutschland schweigt im Gedenken an die Opfer rechter Gewalt.

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Bundesweit soll es um 12 Uhr eine Schweigeminute geben. Sofern es der aktuelle Dienst zulässt, versammeln sich auch die Polizeibeamten stadtweit vor ihren Dienstgebäuden und schweigen. Polizisten, die sich gerade auf einer Streifenfahrt befinden und nicht im aktuellen Einsatz sind, sollen den Wagen anhalten, das Fahrzeug verlassen und dann an der Schweigeminute teilnehmen.

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Gamze Kubasik, die ein Gedicht vorgetragen hat, ist gerührt von der Gedenkveranstaltung. "Ich bin erleichtert und glücklich, weil es eine Veranstaltung war, wie wir sie uns gewünscht haben", sagt sie dem Tagesspiegel.

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"Als 'Imagine' gesungen wird, sind die Gedenk-Gäste besonders ergriffen", schreibt Hatice Akyün uns von der Veranstaltung. "So traurig!" Und weiter: "Für viele ist 'Imagine' von John Lennon vielleicht bereits abgenutzt, aber es trifft es einfach immer noch." Sie wünsche sich, "80 Millionen könnten jetzt hier sein und das fühlen und spüren. Dieses Gefühl müssen wir alle zusammen bekommen".

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"Wir konnten nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein", sagt Semiya Simsek. "Können Sie sich vorstellen, was es bedeutet hat, auf einmal selbst in Verdacht zu stehen?" "Soll mich Erkenntnis beruhigen, dass Neonazis meinen Vater ermordet haben? Bin ich in Deutschland zuhause? Ja klar, aber wie soll ich mir dessen gewiss sein, wenn es hier Menschen gibt, die mich nicht haben wollen. Soll ich gehen? Nein, kann nicht die Lösung sein. Soll ich mich trösten, dass es nur Einzelne waren? Nein. In unserem Land, in meinem Land, muss sich jeder frei entfalten können - unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Geschlecht. Jeder Einzelne ist gefordert. Wir alle zusammen - nur das kann die Lösung sein."

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Jetzt kommen Opfer-Angehörige zu Wort. Dabei hat es nach Tagesspiegel-Informationen Unstimmigkeiten zwischen den Angehörigen und dem Bundespräsidialamt gegeben. Denn eigentlich waren nur zwei Redner vorgesehen, doch Ismael Yozgat wollte auf jeden Fall reden, denn sein Sohn starb am 6. April 2006 in seinen Armen. Doch aus Kreisen der Teilnehmer verlautbarte, dass das Bundespräsidialamt sich erst dagegen sperrte, weil das Programm schon stand. Aber, so hieß es bei den Teilnehmern, es gehe nicht nur um Planung, sondern auch um Emotionen. Yozgat äußerte drei Wünsche: "Unser erster Wunsch ist, dass die Mörder gefasst und die Hintergründe aufgeklärt werden. Unser Vertrauen in die deutsche Justiz ist groß." "Mein Sohn Halil wurde in der Holländischen Straße 82 geboren und er wurde auch dort umgebracht, und wir wollen, dass diese Straße nach ihm benannt wird: 'Halil-Straße. Und unser dritter Wunsch ist, dass im Namen der zehn Toten ein Preis ausgelobt wird, unsere Familie möchte Stiftung gründen, Einnahmen spenden für Menschen, die Krebs krank sind." Zusammen mit Semiya Simsek, die jetzt spricht, hat er bereits früh auf einen möglichen rechtsextremen Hintergrund der Tat hingewiesen.

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Nach den Gedichten wieder Musik. Eine spezielle Orchester-Komposition aus den Stücken "Fragile" von Sting und John Lennons "Imagine".

Die Schauspieler Iris Berben und Erol Sander rezitieren Gedichte. Sanders macht den Anfang mit dem Gedicht "Schnee" des türkischen Dichters.Achmet Murit Dranas. Berben trägt im Anschluss das Gedicht "Entwöhnung" von Erich Fried vor. Sanders folgt dann mit "Bitten der Kinder" von Bertolt Brecht und anschließend noch einmal Iris Berben mit einem Gedicht von Josfe Reding "Frieden".

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"Unsere Kanzlerin findet die richtigen Worte für die Trauer", schreibt Hatice Akyün auf ihrer Facebook-Seite.

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