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Tödlicher Hass : 149 Todesopfer rechter Gewalt

31.05.2012 16:50 Uhrvon , , Heike Kleffner, Toralf Staud

Von 1990 bis heute haben nach Recherchen des Tagesspiegels und der "Zeit" mindestens 149 Menschen ihr Leben durch Angriffe rechtsextremer Täter verloren. Die Polizei führt lediglich 63 Tote in ihrer Statistik. Ein Themenschwerpunkt.

2002

Der Aussiedler Kajrat Batesov (24) wird am 4. Mai 2002 in Wittstock von jungen Männern verprügelt. Ein Angreifer wirft einen knapp 18 Kilo schweren Stein auf Batesov. Knapp drei Wochen später stirbt er im Krankenhaus Pritzwalk. Der Anlass für die Schlägerei lässt sich im Prozess am Landgericht Neuruppin nicht genau klären. Die Kammer verweist im Urteil auf "diffuse Fremdenfeindlichkeit", sieht aber kein rassistisches Motiv. Der Haupttäter wird zu zehn Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt, die vier Mitangeklagten erhalten Strafen zwischen sieben Jahren und einem Jahr auf Bewährung.

Der Dachdecker Ronald Masch (29) wird am 1. Juni 2002 auf einem Feld bei Neu Mahlisch (Brandenburg) von vier Neonazis misshandelt. Ein Täter sticht etwa 40 Mal zu. Die Täter hätten Masch ausrauben wollen, sagt die Staatsanwaltschaft. Es gebe kein rechtes Motiv. Ohne die Gesinnung sei aber die extreme Brutalität nicht vorstellbar, heißt es in Justizkreisen. Die Angeklagten hätten in Verhören die Menschheit in "Kameraden" und den minderwertigen Rest unterteilt.

Weil seine Sprachstörungen ihn aus Sicht seiner Peiniger zu einem minderwertigen Menschen machen, wird der 17 Jahre alte Marinus Schöberl im Juli 2002 zu Tode gequält. Foto: privatBild vergrößern
Weil seine Sprachstörungen ihn aus Sicht seiner Peiniger zu einem minderwertigen Menschen machen, wird der 17 Jahre alte Marinus Schöberl im Juli 2002 zu Tode gequält. - Foto: privat

Der 17 Jahre alte Marinus Schöberl wird am 12. Juli 2002 im brandenburgischen Dorf Potzlow von drei jungen Rechtsextremisten zu Tode gequält. Zunächst schlagen die Täter, zwei Brüder im Alter von 17 und 23 Jahren sowie ein weiterer 17-Jähriger, bei einem Besäufnis in einer Privatwohnung auf Schöberl ein. Die Schläger halten das Opfer für minderwertig. Schöberl leidet an Sprachstörungen, außerdem entsprechen seine blondierten Haare und die weiten Hosen nicht dem Geschmack der Rechtsextremisten. Sie pöbeln den wehrlosen Jugendlichen an, „sag, dass du ein Jude bist“. Die Täter flößen Schöberl zwischen den Schlägen Bier und Schnaps ein, außerdem urinieren sie auf seinen Kopf und Körper. Mindestens zwei erwachsene Augenzeugen beobachten die Misshandlung, helfen aber dem erkennbar wehrlosen Opfer nicht. Schließlich zerren die Schläger Marinus Schöberl in einen stillgelegten Schweinestall. Der schon schlimm zugerichtete Jugendliche wird weiter geprügelt und gezwungen, in den Rand eines Schweinetrogs zu beißen. Als das Opfer am Boden liegt, versetzt ihm einer der Täter gezielte Tritte an den Kopf, so wie er es in einem US- Film über Skinheads gesehen hat. Nach mehr als vier Stunden Folter ist Schöberl tot. Die Täter verscharren den Jugendlichen in einer Jauchegrube. Erst im November 2002 wird die Leiche entdeckt. Einer der Schläger hat in Potzlow mit seiner Tat geprahlt. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin hat die Täter wegen Mordes angeklagt. "Das war eindeutig eine rechte Tat", heißt es in der Behörde. Einer der Rechtsextremisten verprügelt einige Wochen nach dem Tod von Marinus Schöberl einen afrikanischen Asylbewerber im nordbrandenburgischen Prenzlau. Zwei Potzlower Augenzeugen der Misshandlung Schöberls müssen sich wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten. Im Oktober 2003 verurteilt das Landgericht Neuruppin den zur Tatzeit 17-Jährigen zu zwei Jahren Jugendstrafe. Der Haupttäter erhielt 8,5 Jahre Jugendstrafe. Sein erwachsener Bruder erhielt 15 Jahre Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes. Für beide Verurteilten wirkten sich ihre Alkoholisierung und ein niedriger Intelligenzquotient strafmildernd aus. Im Dezember 2004 revidierte der Bundesgerichtshof in Leipzig das Urteil. Eine andere Kammer des Landgerichts Neuruppin verhängte deshalb über den nach dem ersten Urteil Entlassenen drei Jahre Jugendstrafe. Im Sommer 2008 wurde der Haupttäter nach sechs Jahren Haft entlassen und die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt. Dieser Fall wird von der Bundesregierung 2009 genannt.

In Sulzbach (Saarland) sticht am 9. August 2002 ein Neonazi dem Türken Ahmet Sarlak (19) in Bauch und Brust. Das Opfer ist am nächsten Tag tot. Bei der Durchsuchung der Täter-Wohnung findet die Polizei Fahnen mit NS-Symbolen. Das Landgericht Saarbrücken verurteilt den Neonazi zu sechs Jahren Haft. "Was den Angeklagten zu seiner Tat veranlasst hat, weiß nur er selbst", heißt es im Urteil.

Todesopfer rechter Gewalt von 1990 bis 2009:

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