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Tödlicher Hass : 149 Todesopfer rechter Gewalt

31.05.2012 16:50 Uhrvon , , Heike Kleffner, Toralf Staud

Von 1990 bis heute haben nach Recherchen des Tagesspiegels und der "Zeit" mindestens 149 Menschen ihr Leben durch Angriffe rechtsextremer Täter verloren. Die Polizei führt lediglich 63 Tote in ihrer Statistik. Ein Themenschwerpunkt.

2005

Glatze, Springerstiefel, eine Rückentätowierung „Skinhead“ in altdeutschen Lettern – seine Gesinnung stellte Sven K. gern zur Schau. So war der 17-Jährige auch am Ostermontag 2005 als Rechtsextremist erkennbar, als er gegen 18.30 Uhr gemeinsam mit einer Freundin auf dem Heimweg von einem Fußballspiel in der Dortmunder U-Bahn-Station Kampstraße auf eine Gruppe von etwa zwanzig Punks traf. Über die Rolltreppen hinweg flogen wechselseitige Beschimpfungen. Die Punks zogen weiter zu einem Konzert – bis auf den 31-jährigen Thomas Schulz. Der Familienvater, von seinen Freunden „Schmuddel“ genannt, war alkoholisiert und bekifft und wollte Sven K. zur Rede stellen.

Der Familienvater Thomas Schulz stirbt im Alter von 32 Jahren an einem Messerstich ins Herz, weil er sich mit dem in der rechten Szene bejubelten Skinhead Sven K. angelegt hat. Foto: dpaBild vergrößern
Der Familienvater Thomas Schulz stirbt im Alter von 32 Jahren an einem Messerstich ins Herz, weil er sich mit dem in der rechten Szene bejubelten Skinhead Sven K. angelegt hat. - Foto: dpa

Nach weiteren gegenseitigen Beschimpfungen zog Sven K. ein beidseitig geschliffenes Wurfmesser aus der Innentasche seiner Bomberjacke und stach sein unbewaffnetes Opfer durch die Brust ins Herz. Schulz starb kurz darauf im Krankenhaus. Wenige Tage danach klebten Dortmunder Neonazis in der Stadt höhnische Plakate: „Wer sich der Bewegung in den Weg stellt, muss mit den Konsequenzen leben.“ Sven K. sei ein „anerkanntes und respektiertes Mitglied“ der neonazistischen Kameradschaftsszene in Dortmund, hielt das dortige Landgericht im November 2005 in seinem Urteil fest. „Zu seinen Feindbildern gehörten auch ‚Punker’ ... Diese bezeichnete er als ‚Zecken ’.“ Seinem Hass hatte Sven K. schon einmal, ein Dreivierteljahr vor der Tötung von Thomas Schulz, freien Lauf gelassen: In einem Regionalzug beschimpfte und schlug er einen Punk mehrfach ins Gesicht. Nur drei Wochen vor dem Angriff auf Schulz wurde K. dafür zu einer Woche Dauerarrest und Schmerzensgeld verurteilt. Ausführlich ging das Gericht auf die Behauptung des Täters ein, er habe sich nur gegen Thomas Schulz gewehrt, quasi in Notwehr. Eine Bedrohung habe es nicht gegeben, das Opfer sei „in der konkreten Tatsituation arglos und damit wehrlos diesem Überraschungsangriff ausgesetzt“ gewesen, so die Richter. Wegen Totschlags wird Sven K. zu sieben Jahren Haft verurteilt. Aus dem Gefängnis verschickt er über neonazistische Websites Grüße an „die Kameraden“ und bittet in einschlägigen Szenepostillen um Briefe.

In Nürnberg stirbt am 9. Juni 2005 an seinem Dönerstand der 50 Jahre alte Besitzer Ismail Yaşar. Ein Kunde findet ihn hinter der Theke. Fünf Schüsse der NSU-Terroristentreffen ihn. Zeugen sagen, zwei Männer hätten auf ihn geschossen. Von der Bundesregierung wird der Fall im Februar 2012 genannt.

Wenige Tage später mordet der NSU erneut. Der 41-jährige Theodorus Boulgarides wird in seinem Laden, einem Schlüsseldienst in München, am 15. Juni 2005 erschossen. Er stammt als einziges Opfer aus Griechenland.
Von der Bundesregierung wird der Fall im Februar 2012 genannt.

Tim Maier wird am 26. November 2005 in Bad Buchau (Baden-Württemberg) von einem 24-jährigen Neonazi erstochen. Als er mit vier Freunden, von denen einer Türke ist, ein Lokal verlässt, wird die Gruppe von dem ehemaligen NPD-Mitglied Achim M. und einem weiteren Rechtsextremisten verfolgt und als „Scheiß Ausländer“ beschimpft. Es kommt zu einer Rangelei, bei der Achim M. dem 20-Jährigen ein Messer in den Bauch stößt. In der Wohnung des Täters findet die Polizei Hakenkreuzfahnen, Landser-Hefte und eine Pistole. Er wird 2006 wegen Totschlag zu zehn Jahren Haft verurteilt. Laut Gericht kann der rechtsextreme Hintergrund nicht geleugnet werden, in den Parolen habe sich „dumpfe Ausländerfeindlichkeit“ ausgedrückt.

Todesopfer rechter Gewalt von 1990 bis 2009:

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