Regierungskrise in Luxemburg : Wer ist Jean-Claude Juncker?

Jean-Claude Juncker ist ein Überzeugungstäter. Ein großer, zuweilen schnoddriger Rhetoriker. In Luxemburg mit seiner Regierung gescheitert, bereitet er sich schon auf die Wiederwahl vor. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, trotz sinkender Umfragewerte.

von und Danièle Weber[Luxemburg]
Ohne Jean-Claude Juncker wäre die EU heute wohl nicht was sie ist. Dafür verhandelte er oft auch ausgiebig bis in die Nacht hinein.
Ohne Jean-Claude Juncker wäre die EU heute wohl nicht was sie ist. Dafür verhandelte er oft auch ausgiebig bis in die Nacht...Foto: AFP

Wer wissen will, wer Jean-Claude Juncker ist, wie er tickt, wofür er lebt, wer etwas von seiner Taktik erspüren will, der muss ein bisschen warten. Bis zur nächsten Krise der Europäischen Union, oder des Euro, oder bis zum nächsten Krach zwischen Deutschland und Frankreich. Dann empfiehlt es sich, morgens um kurz nach sieben Uhr den Deutschlandfunk einzuschalten und ein paar Minuten zu warten. Mit fast absoluter Sicherheit kommt dann die Moderatorenstimme mit diesem Hinweis: „Wir sind jetzt verbunden mit Jean-Claude Juncker ...“ Und dann kommt eine Stimme, die man nicht vergessen kann. Sonor, erst nüchtern analysierend, im nächsten Moment leidenschaftlich appellierend, in einem präzisen, sprachlich anspruchsvollen Deutsch, mit reichem Vokabelschatz. Als Zuhörer denkt man dann: Warum haben wir in Deutschland (Frankreich, England, Italien ...) eigentlich niemand, der so glasklar, so überzeugend und doch mitreißend sagen kann, was Sache ist.

Mister Euro

Für die Deutschen ist Jean-Claude Juncker „Mister Euro“, acht Jahre lang war er der Chef der Euro-Gruppe. Dabei ist Juncker vor allem auch einer der dienstältesten Staatschefs Europas – noch. Am Mittwochabend verkündete Juncker im Luxemburger Abgeordnetenhaus mit dünner Stimme, er werde dem Großherzog die Auflösung des Parlaments mit Neuwahlen vorschlagen. Sieben Stunden lang hatten die Abgeordneten da bereits debattiert. Und Junckers Hoffnung, er könnte sich mit einem zweistündigen Plädoyer retten, erwies sich als zu zuversichtlich. Juncker, seit 18 Jahren Premierminister Luxemburgs, stolperte nun über eine Geheimdienstaffäre.

Juncker zieht Konsequenzen

Dass er von geheimen Abhöraktionen und Sammlungen von Daten Luxemburger Bürger nichts gewusst haben wollte, war zu viel. Der Geheimdienst, dessen nicht genehmigte Aktionen sich zu einer veritablen Staatsaffäre ausgeweitet hatten, untersteht Jean-Claude Juncker direkt. Dessen sozialdemokratischer Koalitionspartner bat, wie schon angekündigt, Juncker möge die politische Verantwortung übernehmen.

Am Donnerstag diskutierte Juncker etwa eineinhalb Stunden lang mit seinen Ministern über eine Neuwahl, bevor er anschließend zu Großherzog Henri ging. Der wird nun über das weitere Vorgehen entscheiden. Nach diesem Treffen erklärte Juncker, er habe dem Großherzog aus seiner Sicht, „aus Regierungssicht“, die Lage beschrieben. „Es ist jetzt an dem Großherzog, seine Entscheidung zu treffen.“ Und Juncker wäre wohl nicht Juncker, wenn er nicht trotz Geheimdienstaffäre wieder zur Wahl antreten wollte. „Lust hätte ich schon, aber das muss meine Partei entscheiden“, sagte er. Am Donnerstagabend sollte Junckers Wunsch in Erfüllung gehen, seine christlich-soziale Volkspartei bestätigte ihn in einer Sondersitzung als ihren Spitzenkandidaten.

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