Religion und Extremismus : Vor allem Christen werden drangsaliert

Drei Viertel der Weltbevölkerung lebt in Ländern, in denen die freie Religionsausübung bedroht ist. Vor allem für Christen ist das ein Problem. Aber nicht nur.

von
Irakische Christen nehmen an einem Weihnachtsgottesdienst in einer Kirche in Bagdad teil.
Irakische Christen nehmen an einem Weihnachtsgottesdienst in einer Kirche in Bagdad teil.Foto: AFP

Der „Islamische Staat“ (IS) terrorisiert alle, die nicht auf Linie sind, Jesiden wie Christen, Schiiten wie Sunniten. Nachdem die Extremisten 2014 das irakische Mossul eingenommen hatten, wurden innerhalb weniger Tage nahezu sämtliche Christen vertrieben. Auch die dreijährige Christina Khader Ebada bestieg mit ihrer Mutter einen überfüllten Bus, um die Stadt zu verlassen. Am Checkpoint riss ein IS-Kämpfer der Mutter das Kind vom Arm. Sie folgte ihm in panischer Angst und flehte ihn an, ihr das Kind zurückzugeben. „Halt’s Maul“, schrie er sie an. „Wenn du dich dem Mädchen näherst, werden wir dich abschlachten.“ Sie wurde in den Bus getrieben und musste Christina zurücklassen. Was aus ihr geworden ist, weiß man nicht.

Das Schicksal der kleinen Christina hat Eingang gefunden in den International Religious Freedom Report 2015, den das US-Außenministerium im Oktober veröffentlichte. 2013 und 2014 wurden demnach weltweit Millionen Menschen unterdrückt, schikaniert und umgebracht, weil sie an einen anderen Gott glauben, an Gott zweifeln oder ihren Glauben anders praktizieren. Allein im Irak hat der IS zwei Millionen Menschen vertrieben. Dazu kommen 6,5 Millionen syrische Flüchtlinge.

In Nigeria hat die islamistische Terrorgruppe Boko Haram mehr als eine Million Menschen in die Flucht gezwungen. Kirchen wurden angezündet, Dörfer niedergebrannt, 276 zumeist christliche Schülerinnen entführt und versklavt. Im Iran werden die Bahai drangsaliert, in Saudi-Arabien reicht es, an Allah zu zweifeln, um im Gefängnis zu enden.

Ein irakischer Priester.
Ein irakischer Priester.Foto: REUTERS

Aber nicht nur im Nahen Osten und in Teilen Afrikas hat es die Religionsfreiheit schwer. In Indien attackieren radikale Hindus christliche und muslimische Nachbarn, in Myanmar sind 140 000 Muslime auf der Flucht vor nationalistischen Buddhisten. Auch in Indonesien, Pakistan und Afghanistan müssen Andersgläubige, etwa Christen oder Anhänger der islamischen Gemeinschaft der Ahmadiyya, um ihr Leben fürchten.

Christen sind am stärksten von Bedrängung und Verfolgung betroffen – gefolgt von Muslimen –, auch weil die rund 2,2 Milliarden Christen und 1,6 Milliarden Muslime die mit Abstand größten Religionsgemeinschaften sind. Nach Angaben des amerikanischen Pew Research Centers werden Christen in 102 der 198 untersuchten Ländern bedrängt und verfolgt, Muslime in 99 Ländern. Christen werden vor allem dann bei der Ausübung ihrer Religion behindert, wenn sie in der Minderheit sind, als „fremd“ gelten und im Ruf stehen, einflussreiche Kontakte ins Ausland zu pflegen. Unter solchen Bedingungen leben zehn bis 13 Prozent der christlichen Gemeinschaften, etwa in China, Indien, im Nahen Osten, in Indonesien, Nordkorea oder Kasachstan. Doch Christen sind nicht nur Opfer. In Zentralafrika machen christliche Mobs zusammen mit Milizionären Jagd auf Muslime, in anderen Regionen machen sich christliche Gruppen untereinander das Leben schwer.

Irakische Christen während einer Weihnachtsmesse in einer Kirche in Bagdad.
Irakische Christen während einer Weihnachtsmesse in einer Kirche in Bagdad.Foto: REUTERS

Überproportional häufig werden Juden angegriffen. Obwohl sie nur 0,2 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen und zu rund 80 Prozent in den USA und in Israel leben, wurden sie 2013 in 77 Ländern bedrängt und verfolgt. Auch Juden sind nicht nur Opfer. Radikale jüdische Siedler attackieren muslimische Palästinenser, und am Dienstag rief der ultrarechte Rabbiner Bentzi Gopstein in Jerusalem dazu auf, alle Christen aus dem Land zu jagen, weil sie „blutsaugende Vampire“ seien.

Von 2007 bis 2012 ist die Religionsfreiheit massiv unter Druck geraten, analysiert das Pew Research Center. 2013 lebten drei Viertel der Weltbevölkerung in Ländern, in denen die freie Religionsausübung bedroht ist. Für 2015 liegen noch keine Analysen vor, doch es dürfte nicht besser geworden sein.

Autoritäre Regierungen

Gewalt sei in keiner Religion historisch angelegt, aber eine Gefahr für viele Religionen, schreibt Heiner Bielefeldt, der Sonderberichterstatter über Religions- und Weltanschauungsfreiheit bei den Vereinten Nationen, in seinem Bericht 2014. Patriarchale und reaktionäre Interpretationen religiöser Texte kommen denen, die Hass schüren wollen, gut gelegen. Aber Religion sei nie die alleinige und auch nie die zentrale Ursache für Konflikte. Nicht jeder Konflikt, in dem zum Beispiel Christen zu Schaden kommen, fuße auf religiösen Gründen.

Gewalt in Gottes Namen gedeiht besonders gut unter autoritären Regierungen, aber auch in zerfallenden Staaten infolge von Bürgerkriegen oder nach militärischen Interventionen. Sie wächst bei extremer Armut und Korruption oder wenn die Gesellschaft in rigide Kasten unterteilt ist. Sie breitet sich aus, wenn Regierungen gezielt den Hass auf Minderheiten schüren, um die eigene nationale Identität zu stärken. Oder wenn staatliche Institutionen Hetzredner gewähren lassen, bei Übergriffen wegschauen und Ermittlungen verschleppen. Sobald Menschen staatlichen Institutionen nicht mehr vertrauen, setzen sie auf ihre eigene Gemeinschaft, die oft ethnisch oder religiös definiert ist. Wenn sich die Religionsführer dann noch in Konflikte hineinziehen lassen, reicht ein Funke und die Situation eskaliert.

Staaten, aber auch Religionsgemeinschaften können deshalb viel tun, um Gewalt zu verhindern. Heiner Bielefeldt weist darauf hin, dass Gewalt in Gottes Namen kein unabwendbares Naturphänomen ist, sondern eine Reaktion auf aktuelle, menschengemachte Umstände. Kein abstraktes Gedankengebäude ist schuld am Ausbruch von Gewalt. Sondern Menschen entscheiden sich, ob sie religiöse Texte auf menschenverachtende Weise auslegen oder so, dass Barmherzigkeit und Gerechtigkeit im Zentrum stehen. Menschen entscheiden, ob sie sich in Konflikte hineinziehen lassen oder nicht. Diese Erkenntnis ist frustrierend und ermutigend zugleich.

Auch verkleidete Kinder nehmen an einer Weihnachtsmesse in Bagdad teil.
Auch verkleidete Kinder nehmen an einer Weihnachtsmesse in Bagdad teil.Foto: AFP

In Sierra Leone zum Beispiel sind im Bürgerkrieg alle staatlichen Strukturen zusammengebrochen. Doch das Vertrauen zwischen den Religionen hat den Krieg überstanden und war die Basis für neuen Frieden. Muslime und Christen haben sich nicht gegeneinander aufstacheln lassen. Der interreligiöse Dialog rettet in vielen Teilen der Welt Leben.

Voraussetzung ist, dass Religionsführer die religiös begründete Gewalt klar verurteilen und sich mit Fanatikern in den eigenen Reihen auseinandersetzen. Die Haltung, wonach eine extremistische Auslegung der heiligen Texte mit der Religion an sich nichts zu tun habe, führe nicht weiter, kritisiert Bielefeldt. Steht eine Minderheit bereits so unter Druck, dass sie sich nicht mehr gefahrlos öffentlich verteidigen kann, sollte die Religionsgemeinschaft der Mehrheit für sie eintreten.

Dauerhafte Sicherheit für alle gibt es aber nur, wenn Religionsgemeinschaften, zivilgesellschaftliche Organisationen und Politiker gemeinsam für den Aufbau und die Sicherung rechtsstaatlicher Strukturen kämpfen und Korruption eindämmen. Von Interventionen speziell zugunsten der Christen, wie es konservative Politiker in den USA, in Deutschland und manche Bischöfe fordern, halten die Betroffenen wenig. Das müssten die Christen vor Ort dann erst recht ausbaden, sagte vor drei Wochen Patriarch Béchera Rai bei seinem Besuch in Berlin. Er ist das Oberhaupt der maronitischen Christen im Libanon. Außerdem schadeten die Terroristen Muslimen genauso wie Christen. „Bei den Christen im Mittleren Osten spürt man es nur stärker, weil es weniger sind“, sagte der Patriarch. Die internationale Gemeinschaft müsse deshalb die Entscheidung fällen, den Krieg zu beenden und gegen die Terroristen zu kämpfen, damit alle Menschen des Mittleren Ostens nach Hause zurückkehren können.