Politik : „Riester-Rente hat Ziel nicht erreicht“ SPD-Linke Mattheis über Umkehr in Sozialpolitik

18.02.2012 00:00 Uhr
Foto: dapd Foto: dapd
Foto: dapd - Foto: dapd

SPD-Chef Gabriel hat ein Bündnis mit der Linkspartei nach der Bundestagswahl bereits ausgeschlossen. Ist das geschickt?

Wir haben bei der Klausursitzung des Bundesvorstands festgehalten, dass 2012 nicht das Jahr der Koalitionsaussagen ist, sondern der inhaltlichen Positionierungen. Daran würde ich mich gerne halten.

Was muss die Linkspartei denn tun, um als Bündnispartner für die SPD doch noch infrage zu kommen?

Probleme, die die Linkspartei hat, muss sie schon selber lösen. Sie hat ja im Frühsommer einen Bundesparteitag, da darf man gespannt sein. Für mich ist wichtig: Wir brauchen eine möglichst starke SPD mit überzeugenden Botschaften.

SPD und Linkspartei gemeinsam ist die Sorge um Altersarmut. Vorgesehen ist, das Rentenniveau weiter abzusenken, bis 2025 um zehn Prozent. Ist das akzeptabel?

Das Thema treibt uns seit vielen Jahren um. Und 2009 haben uns die Wählerinnen und Wähler deutlich gesagt, dass sie nicht akzeptieren können, was wir in der Rentenpolitik an Weichen gestellt haben. Das Versprechen, die Rente mit 67 auszusetzen, wenn zu wenig ältere Arbeitnehmer am Erwerbsleben teilnehmen, hat die Leute offensichtlich nicht überzeugt. Unser Versprechen muss der Schutz vor Altersarmut und die Sicherung des Lebensstandards sein. Wir wollen ein Rentenniveau, bei dem keiner Angst haben muss, im Alter trotz 45 Erwerbsjahren in Armut zu geraten. Das bedeutet: Das aktuelle Rentenniveau muss gehalten werden und darf nicht unter 50 Prozent sinken.

War die staatlich geförderte Riester-Rente, die das Absenken des gesetzlichen Rentenniveaus legitimiert, ein Fehler?

Unser Ziel war es, durch ein steuerlich gefördertes Zusatzangebot den Menschen im unteren und mittleren Einkommensbereich höhere Renten zu ermöglichen. Dieses Ziel haben wir mit der Riester-Rente nicht erreicht. Das sollten wir als Partei ganz offen sagen.

Glauben Sie denn tatsächlich, mit Ihrem Fraktionschef, dem Agenda-2010-Erfinder Frank-Walter Steinmeier, die unbequemen SPD-Beschlüsse zur Sozialpolitik wieder abräumen zu können?

Ja, ich habe das Vertrauen, dass alle in der Partei bereit sind, offensichtliche Fehlentwicklungen zu korrigieren.

Unangenehme Hinterlassenschaften der SPD gibt es auch in der Gesundheitspolitik. Praxisgebühr, Zusatzbeiträge, das Ende der Beitragsparität – das alles kam aus einem SPD-geführten Ministerium.

Da sind wir uns schon jetzt einig. Alle zusätzlichen Kosten und Zuzahlungen wollen wir zurückholen. Wir haben erkannt, dass die Zugänge zur Gesundheitsversorgung für GeringverdienerInnen dadurch schmaler geworden sind. Die Gesundheitsversorgung muss für alle gleich gut sein, es darf keine Zwei-Klassen-Medizin geben.

Wie glaubwürdig ist eine Partei, die in Regierungszeiten munter vorprescht und sich dann in der Opposition reumütig an die Brust klopft und alles wieder rückgängig zu machen verspricht?

Glaubwürdigkeit erlangt man, indem man das tut, was man sagt. Das geht nur in der Regierung. Insofern ist es mit Blick auf 2013 richtig, bei manchen der sozialpolitischen Baustellen auf eine andere Ausgestaltung zu dringen. Man muss in der Politik auch sagen können: Das ist falsch gelaufen, das haben wir so nicht gewollt. Unsere Kernaussage ist, dass wir mehr Gerechtigkeit herstellen wollen.

Damit sind wir in der Steuerpolitik. Für die Mehrheits-SPD ist das Thema Reichensteuer durch die geforderte Erhöhung des Spitzensteuersatzes vom Tisch. Für die SPD-Linke auch?

Wir haben auf dem Bundesparteitag, auch mit den Stimmen der SPD-Linken, ein sehr gutes Steuerkonzept beschlossen. Wir stellen fest, dass die Vermögen und Einkommen trotz Finanzmarktkrise massiv auseinandergehen. In unserem Steuerkonzept schlagen wir konkrete Maßnahmen vor, wie wir die Teilhabe am Wohlstand und die Zugänge zu Versorgungsstrukturen gerechter gestalten wollen. Diese müssen nach 2013 umgesetzt werden. Wenn diese Maßnahmen wie Anhebung von Spitzensteuersatz und Erbschaftsteuer sowie Einführung der Vermögensteuer nicht reichen, müssen wir ergebnisoffen weitere Schritte überlegen.

Hilde Mattheis (57) sitzt seit 2002 für die SPD im Bundestag. Sie ist auch Vorsitzende des Forums

Demokratische Linke 21 in der SPD. Die

Fragen stellte Rainer Woratschka.

Videos - Politik

Umfrage

Was halten Sie vom neuen Grass-Gedicht?

Service

Grüne Geschäfte - Der Blog

Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont
Der Blog von Tagesspiegel-Autorin Dagmar Dehmer und der Zeit-Online-Autorin Marlies Uken.

Rechtsextremismus in Deutschland

Weitere Themen

Das Kernkraftwerk Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Foto: dapd

Die aktuellen Tagesspiegel-Artikel aus unserem Atomkraft-Themenressort.

Atomkraft

Umfrage

Immer wieder wird der Verbleib Griechenlands in der Eurozone kontrovers diskutiert. Was denken Sie?

Todesopfer rechter Gewalt

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo
Deutsche ISAF-Soldaten: Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr. Foto: dapd

Der Einsatz am Hindukusch neigt sich dem Ende zu. Eine Übersicht über alle Artikel zum Afghanistan-Krieg finden Sie hier.

Alles über Afghanistan
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen
Foto:

Das politische Geschehen in der Hauptstadt. Hautnah. Alles über die Berliner Landespolitik und ihre Akteure lesen Sie hier.

Berliner Landespolitik
Braunkohle-Tagebau des Vattenfall-Konzerns bei Jänschwalde .Aus Jänschwalde und Cottbus-Nord werden täglich zirka 60.000 Tonnen Braunkohle gefördert. Mit dieser Energie kann der Tagesbedarf einer Großstadt gedeckt werden. Foto: dpa

Solarenergie, Berichte von den Klimakonferenzen, Atomkraft und vieles mehr aus den Themenbereichen "Energie und Umwelt".

Energie

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite