Politik : Roma misstrauen den Schulen Studie: Viele Eltern lassen ihre Kinder zu Hause

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Berlin - Die Bildungssituation der deutschen Sinti und Roma ist „desolat“. Das ist die Bilanz aus der „Studie zur aktuellen Bildungssituation deutscher Sinti und Roma“, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Demnach haben die deutschen Sinti und Roma noch immer ein erheblich niedrigeres Bildungsniveau als der Schnitt der Mehrheitsgesellschaft – nach Ansicht der Autoren der Studie vor allem ein Effekt der „nie aufgearbeiteten Traumata der NS-Verfolgung“. Noch in der dritten Generation gebe es darum tiefes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen. Hinzu komme, dass viele Sinti und Roma die Schule als Instrument für „Ausgrenzung“ oder aber für „Assimilation“ wahrnähmen, der sie ihre Sprache und Kultur opfern müssten.

Die Studie wurde von Sinti und Roma selbst initiiert, nämlich von „RomnoKher“, einem Kulturzentrum in Mannheim. Hauptsponsor war die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Zwischen Herbst 2008 bis zum Mai dieses Jahres wurden 275 Interviews mit Sinti und Roma aus drei Generationen in 35 Städten geführt. 261 Interviews flossen in die Studie ein. Obwohl damit nur ein Bruchteil der etwa 100 000 deutschen Sinti und Roma befragt wurden, gehen die Wissenschaftler um den Historiker Alexander von Plato von der Fernuniversität Hagen davon aus, dass die Studie aufgrund der breiten sozialen Streuung der Befragten repräsentativ ist – sehe man davon ab, dass niemand in den neuen Ländern befragt wurde.

Der Studie nach liegt der Anteil der Sinti und Roma, die nicht einmal die Grundschule besucht haben, in der Gruppe der 14- bis 25-Jährigen bei 9,4 Prozent. In der Gruppe der über 50-Jährigen liegt er sogar bei 40 Prozent. Die Masse der jugendlichen Sinti und Roma (78 Prozent) besucht die Hauptschule oder hat sie zeitweise besucht. Nur zwölf Prozent besuchen eine Realschule, nur 2,3 Prozent sind oder waren Gymnasiasten. In der Altersgruppe der 20- bis 25- Jährigen der Gesamtbevölkerung haben mehr als 40 Prozent ein Gymnasium besucht. 46 Prozent der Befragten sagten, sie hätten keine Hilfe bei den Hausaufgaben erhalten können. Die meisten erklärten, dies habe an der eigenen geringen schulischen Bildung oder an der der Eltern gelegen. 54 Prozent der Befragten gaben an, sich von Behörden „schlecht behandelt bis diskriminiert“ zu fühlen. Generell von Diskriminierungen, auch durch Mitschüler und einzelne Lehrer, berichten 81 Prozent.

Die Vermutung, dass das Reiseverhalten der Sinti und Roma Effekte auf den Schulbesuch hat, lässt sich für die jüngere Generation nicht bestätigen. Zwar geht noch immer die Hälfte während der Schulzeit auf Reisen. Doch nicht mehr, weil die Familie Handel treibt, sondern um zu Treffen der Religionsgemeinschaften zu fahren, Familienmitglieder zu besuchen oder einfach nur, um Urlaub zu machen.

Daniel Strauß, Geschäftsführer von „RomnoKher“, forderte einen „nationalen Aktionsplan“ für die Verbesserung der Bildungslage der deutschen Sinti und Roma. Anja Kühne

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