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Sahra Wagenknecht : Eine linke Gerade
von und Marco Lauer[Stuttgart]

Es lassen sich in Sahra Wagenknechts Vergangenheit viele Zitate finden, die gegen sie sprechen. Sie lobte die Errungenschaften der DDR, sprach Erich Honecker „bleibenden Dank“ aus. Selbst die Stalin- Ära fand sie 1992 gut. Deren Resultat seien „jedenfalls nicht Niedergang und Verwesung“ gewesen. „Jede Menge Trotz“ sei da im Spiel gewesen, rechtfertigte sie sich später. Noch zu DDR-Zeiten hing ein Bild von Ulbricht in ihrer Wohnung. Als Philosophie- und Literatur-Studentin tauschte sie die Porträts – es kamen Napoleon, Marx und Hegel. Erst mit 20 war Wagenknecht im Frühjahr 1989 in die SED eingetreten, ein Jahr zuvor nach dem Abitur hatte sie mit der Begründung, nicht aufgeschlossen genug zu sein fürs Kollektiv, keinen Studienplatz bekommen. Als Einzelkind war sie aufgewachsen bei ihrer Mutter in Ost-Berlin, den iranischen Vater hat sie nie kennengelernt.

Heute hängt der von ihr hoch verehrte Johann Wolfgang von Goethe daheim an ihrer Wand. Man sagt, sie könne „Faust“ auswendig vortragen. Lesen, sagt sie, „entspannt unglaublich“. Zuletzt hatte sie Zeit für Steinbecks „Früchte des Zorns“ und „Stadt der Engel“ von Christa Wolf. Im Gespräch mit Günter Gaus erzählte sie 2004, wie toll es sei, nach „irgendwelchen Intrigen und irgendwelchen politischen Kämpfen“ ein Drama von Shakespeare zu lesen, „dann geht man mit all dem gelassener um“.

Nun steht sie selbst im Zentrum komplizierter Ränkespiele. Vor Jahren haben Bisky und Gysi den Aufstieg Wagenknechts wiederholt verhindert. In der PDS wiesen sie ihr und ihren wenigen Verbündeten eine Fremdkörperrolle zu. Noch 2008 verhinderten beide ihre Wahl zur Vizevorsitzenden der Linken. „Das Signal wäre falsch“, sagte Gysi. Inzwischen spricht nicht nur der Fraktionsvorsitzende davon, dass Wagenknecht dazugelernt habe. Und Parteivize ist sie auch. Sie selbst warnt ihre Genossen davor, „uralte Konflikte“ wieder aufleben zu lassen. „Ich habe mich entwickelt, die Partei hat sich auch entwickelt.“ Sie lobt Gysi mit den Worten, er sei „zentral für die Partei“. Wo die Linke ohne ihn stünde, will sie sich nicht ausmalen. Umgekehrt erkennen im Reformerlager fast alle an, dass Wagenknecht „sehr wichtig“ geworden sei, „für das innere Gefüge und die Außenwirkung“.

Wagenknecht sagt denn auch, dass sie sich durchaus zutraue, die Fraktion „nach innen und nach außen zu vertreten“. Schon im November könnte Wagenknecht aufrücken zur Chefin neben Gysi, auch wenn der, um den Zusammenhalt der Fraktion fürchtend, noch nicht alle Abgeordneten überzeugt hat. Verzichtet sie auf diese schnelle Karriere, hat sie beste Chancen, beim Parteitag im Juni 2012 zur Vorsitzenden der Partei gewählt zu werden.

Längst hat die gebürtige Jenaerin es vermocht, das Image der Ost-Politikerin abzustreifen und trotzdem für eine radikale Option zu stehen. 1995 hatte sie ihren aus dem Westen stammenden Mann kennengelernt, und, wie sie sagt, aufgehört, „die Realität durch die Brille der Vergangenheit anzugucken“. Sie pendelt zwischen ihren Wohnungen in Düsseldorf-Oberbilk, einem gemischten Viertel, in dem auch viele Hartz-IV-Empfänger und Migranten leben, und Karlshorst im Berliner Osten. Bei der Wahl 2009 kandidierte sie in Nordrhein-Westfalen. Noch bevor sie nach fünf Jahren im Europaparlament erstmals in den Bundestag gewählt wurde, jubilierte sie: „Ich bin keine einsame Stimme mehr.“

Das Treffen in der Kellerschenke in Stuttgart dauert nur 20 Minuten. Die drei Vertreter der Stuttgarter Linken und ihr Ehrengast treten in einen lauen Abend hinaus. Spazieren auf der Börsenstraße entlang zu einem nahen Italiener, den auch die bessere Stuttgarter Gesellschaft gerne besucht. Man bestellt Wein und trinkt auf einen gelungenen Abend. So viele Besucher. Am Nachbartisch sitzen drei Damen, bürgerlich, wohlhabend, sie zeigen es mit ihrem Schmuck. Als sie Wagenknecht erkennen, sehen sie hinüber, als ob ihr Essen vergiftet wäre.

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