Sascha Lobo und Christopher Lauer : Piratenpartei - "Von Jungen Wilden zu Jungen Ärschen"

Urheberrecht, Twitter, Transparenz: Was zum Hype der Piratenpartei beigetragen hat, hat sie auch zerstört. Zu dem Schluss kommen Christopher Lauer und Sascha Lobo in ihrem Buch "Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei". Und sie finden einen prominenten Schuldigen am Abstieg der Partei.

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Ballaballa. Die Piratenpartei zwischen Gaga und großer Netzpolitik.
Ballaballa. Die Piratenpartei zwischen Gaga und großer Netzpolitik.Foto: dpa

Die Sorge kann man Christopher Lauer und Sascha Lobo nehmen. Eine Abrechnung mit der Piratenpartei ist es nicht geworden. Genau das wollten der Ex-Pirat und Deutschlands prominentester Blogger, Christopher Lauer und Sascha Lobo, mit ihrem Buch "Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei" nicht abliefern, was sie auch gleich zu Beginn betonen. In weiten Stücken ist es aber zumindest für Lauer und wohl auch für Lobo eine Art Rechtfertigung geworden, dafür, dass man überhaupt dabei war. Dafür, dass man an die Ziele dieser Partei geglaubt hat - und dafür, dass man letztendlich doch mit den Piraten gebrochen hat.

Mit Lauer und Lobo haben sich zwei Exzentriker zusammengetan und natürlich nicht einfach ein schnödes Buch, eine Analyse auf totem Holz geschrieben. Denn das Buch erscheint zunächst als gestreamtes eBook auf der von Lobo ins Leben gerufenen Plattform "Sobooks". Sobooks steht für Social Books, was bedeutet, dass die Bücher gewissermaßen interaktiv sind, Verlinkungen und Kommentierungen sind möglich. Sobooks – eine Art buchgewordene Piratenpartei und da passt es gut, dass ein Buch über eben jene Piraten auch der erste große Aufschlag ist - vom Chef persönlich.

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25.11.2012 17:24So sieht Pressearbeit bei den Piraten aus: Der Presselotse entspannt sich im Bällebad der Kinderbetreuung.

Und dieser Aufschlag ist durchaus gelungen. Auf knapp 200 Seiten wird zunächst einmal klar unterschieden zwischen den persönlichen Erfahrungen Lauers und der Analyse der beiden Autoren. So gewinnt das Buch an Dynamik, wirkt kurzweilig ohne an Tiefe zu verlieren. Interessant ist auch die Ausgangslage, denn beide wollen ein historisches Phänomen betrachten und einordnen. Nur muss man dafür den Gegenstand der Betrachtung erst einmal für tot erklären. Das tun beide. Sie betten die Piraten in den zeitlichen und vor allem netzpolitischen Kontext: von Musiktauschbörsen, über Urheberrechtsdebatten, Netzsperren bis zur Vorratsdatenspeicherung. Sie zeigen, dass die Piraten einen Nerv getroffen haben, oder besser: Der Zeitgeist hat eine Partei getroffen - und wurde enttäuscht.

Der Umgang mit Sven Regeners Wutrede 2012 markiert den Wendepunkt

Und sie haben sogar einen Verantwortlichen für den Abstieg der Piraten gefunden: Sven Regener. Oder besser: den Umgang der Piraten mit dessen Wutrede 2012. Der "Element-of-Crime"-Sänger schimpfte damals über die Piraten und ihren vermeintlichen Versuch, das Urheberrecht abschaffen zu wollen und so Künstler um Lohn und Brot zu bringen, nur um kostenlos Musik im Netz zu hören. Lauer nennt Regners Wutrede einen "Beleuchtungswechsel" in der Wahrnehmung der Piraten. "Obwohl wir bundesweit in den Umfragen bis Mai 2012 teilweise über zehn Prozent lagen, obwohl wir im Saarland in ein zweites Landesparlament eingezogen waren, wurden wir anders betrachtet. Wir verloren wie über Nacht viel Unterstützung von Leuten, die uns bis dahin als neue, politische Kraft geschätzt hatten. Wir waren nicht mehr cool."

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Mit 8,9 Prozent der Stimmen wurden die Piraten in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt - ein Sensationserfolg. Doch davor und danach machten die Neulinge auch mit vielen Pannen von sich reden. Wir zeigen, was alles geschah.Weitere Bilder anzeigen
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23.04.2012 08:32Mit 8,9 Prozent der Stimmen wurden die Piraten in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt - ein Sensationserfolg. Doch davor und...

Fehlende Professionalisierung, mangelhafte Strukturen und kein Gespür für die Außenwahrnehmung hätten sich einmal mehr als großes Problem erwiesen. "Die Strukturlosigkeit hat die Piratenpartei in der Debatte eingeholt. Wir wurden in der Zuschreibung von außen fast über Nacht von den Jungen Wilden zu den Jungen Ärschen." So zeigen Lauer und Lobo, dass jener Nährboden für den Aufstieg der Piraten gleichzeitig auch der Sumpf für ihr Versinken darstellt.

Was die Piraten groß gemacht hat, hat sie auch zerstört 

Twitter beispielsweise sei von Piraten gekapert worden und habe zu ihrem Aufstieg beigetragen. Gleichzeitig wurden später alle Streitereien derart öffentlich ausgetragen, dass sich das Publikum abgewendet hat. Das Urheberrecht war thematischer Kern der Partei, an dem sie sich aber auch die Zähne ausbissen. Transparenz und offene digitale Beteiligungsformen machten den Reiz aus, nur gelang es den Piraten nicht, beides vernünftig zu implementieren. 

Dem Buch geht es aber am Ende ähnlich wie den Piraten. Denn die Stärke – eine subjektive, kenntnisreiche Innenansicht gepaart mit einer vermeintlich neutralen Analyse, ist gleichzeitig auch die Schwäche, weil allzuoft in der Analyse die persönlichen Schilderungen und Einordnungen Lauers nur repetiert werden. So bleibt es eben nur eine von vielen möglichen Piratenperspektiven, gleichwohl aber eine interessante. Denn Lauer war zweifelsohne einer der markantesten Köpfe der Partei: provokant, klug, scharf - nur hat er auch massiv zur Hybris der Piraten beigetragen. Eine Einordnung seinerselbst wäre also spannend. Trotzdem sind seine persönlichen Einlassungen aufschlussreich, auch weil er nicht mit Selbstkritik spart.

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