Saudi-Arabien : Monarchie am Tropf

Der König ein kranker 90-Jähriger, das Volk jung, chancenlos und frustriert: Saudi-Arabien steht vor dem heikelsten Machtübergang seiner Geschichte.

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Saudi-Arabiens König Abdullah wird über einen Schlauch mit Luft versorgt Foto: Kevin Lamarque/Reuters
Saudi-Arabiens König Abdullah im März 2014Foto: Kevin Lamarque/Reuters

Beim Besuch von Barack Obama letzte Woche trug sein hochbetagter Gastgeber einen Sauerstoffschlauch in der Nase. Über 90 Jahre alt ist Saudi-Arabiens König Abdullah, rückenleidend, übergewichtig, schnell ermüdend und nur noch per Rollator beweglich. Der Monarch habe Krebs und nur noch wenige Monate zu leben, verbreiteten amerikanische Diplomaten, auch wenn er die zwei Stunden Diskussion mit dem eine Generation jüngeren US-Präsidenten offenbar mit Witz und Elan absolvierte.
Erst 24 Stunden zuvor hatte Abdullah wie aus heiterem Himmel seinen jüngsten Halbbruder, Muqrin bin Abdulaziz, zum zweiten Kronprinzen befördert. Die Entscheidung sei „unwiderruflich und kann von Niemandem annulliert werden“, hieß es in dem Dekret. Abdullah weiß, dass nach seinem Tod dem saudischen Königshaus der heikelste Machtübergang seit der Entstehung des Wüstenreiches vor 80 Jahren bevor steht. Zwar hatte Staatsgründer Abdelaziz Ibn Saud 1953 verfügt, dass die Thronfolge dem Alter nach auf seine 34 Söhne übergeht. Einen Erbmechanismus für die dritte Generation dagegen gibt es nicht, und das könnte die Monarchie – wie schon im 19. Jahrhundert – in existenzbedrohende Machtkämpfe stürzen. 2006 band Abdullah daher die Repräsentanten aller 34 Familienzweige, die von Abdelaziz’ Söhnen abstammen, in einem neu geschaffenen Thronrat zusammen. Er soll laut Gründungscharta nach dem Ableben Abdullahs den neuen Herrscher aus der dritten Generation küren, allerdings muss das Votum einstimmig sein.

Wachsende Spannungen innerhalb des Königsclans


Mittlerweile schwant dem Staatsoberhaupt, dass der von ihm ersonnene Mechanismus nicht funktionieren kann, so dass er die weitere Thronfolge jetzt erneut per Dekret festlegte. Der erste Kronprinz Salman ist 79 und gilt nach einem Schlaganfall 2010 de facto als amtsunfähig. Der neue zweite Kronprinz ist mit 69 Jahren der jüngste der 34 Abdelaziz-Sprösslinge, hat aber aus Sicht anderer Wüstenaristokraten keinen Anspruch auf den Thron, weil er von einer jemenitischen Sklavin abstammt, die der Staatsgründer schwängerte, als sie 15 war. Und so verweigerten sieben der 34 Mitglieder am Wochenende im Kronrat ihre Zustimmung oder enthielten sich der Stimme - ein Indiz für wachsende Spannungen innerhalb des weit verzweigten Königsclans.
Ungeachtet dessen geriert sich Saudi-Arabien nach dem Arabischen Frühling weiterhin als wichtigster Hort von Stabilität in einer immer chaotischeren Region. Doch auch auf der Arabischen Halbinsel gärt es. Die Jihadisten in Syrien könnten ihren Sponsoren am Golf bald ebenfalls gefährlich werden. Im saudischen Cyberspace wächst der Unmut über die Schmarotzerklasse der rund 8000 Prinzen und der mit ihnen verbundenen Familien, einer superreichen Petrol-Nomenklatura von 100 000 Personen.

Saudi-Arabien twittert mehr als die Vereinigten Staaten

Bei der Zahl der Twitter-Botschaften pro Kopf liegt Saudi-Arabien inzwischen vor den Vereinigten Staaten. Auf Facebook werden Korruptionsfälle detailgenau ausgebreitet und skurrile Fatwas wahabitischer Scheichs verspottet. Als Reaktion erließ Saudi-Arabien ein Gesetz gegen so genannte Cyber-Kriminalität, das derartige Onlinekritik unter Strafe stellt. Gleichzeitig werden Menschenrechtler und Dissidenten serienweise mit Strafprozessen überzogen wegen „Unruhestiftung“ und „Rebellion gegen die Autoritäten“. Zwei Drittel der 20 Millionen Saudis sind jünger als 30 Jahre. Zwischen zehn und 15 Prozent sind arbeitslos, während ein Elf-Millionen-Heer billiger Migranten die Wirtschaft am Laufen hält. Die meisten verdienen zwischen 300 und 500 Dollar im Monat, für die kein Einheimischer einen Finger krumm machen würde. In Teilen des Landes herrscht trotz des 730-Milliarden-Dollar Staatsschatzes bittere Armut, in vielen Städten katastrophaler Wohnungsmangel.
Und so halten sich in Riyadh angesichts der wachsenden Verunsicherung hartnäckig Gerüchte, der greise König könnte noch zu Lebzeiten abdanken, um einen reibungslosen Generationswechsel zu garantieren und die komplexen Verhandlungen zwischen den Enkelfamilien zu moderieren, die dabei leer ausgehen. Die saudische Führung werde sich immer bewusster, dass schnelle Entscheidungen über die Thronfolge notwendig sind, kommentierte dieser Tage die Zeitung „Asharq Al-Awsat“, die dem Königshaus nahe steht. Abdullah wolle das Land schützen „vor unangenehmen und überraschenden Entwicklungen“, hieß es in dem Editorial. Denn Saudi-Arabien liege im Zentrum einer turbulenten und zutiefst aufgewühlten Region. „Einige Staaten sind bereits kollabiert – andere stehen am Rande des Zusammenbruchs.“

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