Scharia-Polizei in Wuppertal : "Der Joke hat funktioniert, die Moschee ist voll"

In Wuppertal patrouillierten selbsternannte Sittenwächter als "Scharia-Polizei", in Düsseldorf stehen Salafisten wegen versuchten Mordes vor Gericht. Was sind das für Leute, die im Namen Allahs Angst und Schrecken verbreiten? Eine Reportage.

von und Sebastian Weiermann
Hand drauf. Marco G. begrüßt im Düsseldorfer Gericht den Mitangeklagten Koray D. (links).
Hand drauf. Marco G. begrüßt im Düsseldorfer Gericht den Mitangeklagten Koray D. (links).Foto: dpa

Ein Witz. Das soll es am Ende gewesen sein – heißt es. Oder eher: heitere Öffentlichkeitsarbeit. Eine Handvoll junger Männer streifte sich orangefarbene Leuchtwesten über, auf ihren Rücken stand in weißer Schrift: „Sharia Police“. Als selbsternannte Sittenwächter nach islamischem Recht zogen sie nachts durch die Straßen Wuppertals. Es war ein sehr schlechter Witz, PR-technisch jedoch ein voller Erfolg. Alle wissen nun Bescheid.

Warum also nicht die Scharia-Polizei noch ausdehnen auf andere deutsche Städte? Warum nicht „den Djihad mit der Zunge“ führen, den heiligen Krieg mit Worten anfachen? Das diskutieren Sven Lau und Pierre Vogel in einem Video bei Youtube, die zwei radikalislamischen Salafisten, die jene Aktion verantworten. Konvertiten, Stars einer Szene, die Politiker auf lokaler und Bundesebene beschäftigt. Und denen doch gegen derart „religiöse Empfehlungen“ kaum mehr bleibt als Worte wie jene von Innenminister Thomas de Maizière: „Die Scharia wird auf deutschem Boden nicht geduldet.“

Es ist ein langwieriger Kampf, den die deutschen Sicherheitsbehörden gegen radikale Muslime kämpfen. Er wird dieser Tage nicht nur in den Straßen Wuppertals geführt, sondern auch im Düsseldorfer Oberlandesgericht. Vier Angeklagte müssen sich dort seit Montag verantworten. Ein junger Salafist soll am Bonner Bahnhof eine Bombe gelegt, gemeinsam mit Glaubensbrüdern zudem einen Mord geplant haben. Zwei Jahre soll der Prozess dauern, dem Hauptangeklagten droht – lebenslänglich.

Eine "Hinterhofmoschee"

Kurz vor Prozessbeginn, Wochenende in Wuppertal, früher Abend, Cafés und Kneipen sind gut gefüllt. Von der Elberfelder Innenstadt, dem Zentrum von Wuppertal mit großer Fußgängerzone und dem Hauptbahnhof, sind es nur zwei Stationen mit der Schwebebahn zur Haltestelle Landgericht – und von dort nur wenige Minuten zu Fuß bis zur Moschee der selbsternannten Scharia-Polizisten. Die Klophausstraße, in der die Moschee liegt, steigt steil an, rechts von ihr ein Wald, links ältere Industriegebäude.

Die Darul Arqam Moschee ist das, was man im schlechten Sinn als „Hinterhofmoschee“ bezeichnen kann. Der Eingang zum Treppenhaus liegt in der hintersten Ecke des Innenhofs, an der Tür hängt ein Blatt Papier mit dem Logo der Moschee und der Bitte, nicht im Hof zu parken. Die Tür ist offen, die Räume sind im ersten Stock. Dort hängt wieder ein Blatt Papier mit dem Logo. Vor der Tür der Moschee stehen zwei Regale, darin einige Schuhe. Nach mehrfachem Klopfen öffnen zwei junge Männer, beide etwa 20 Jahre alt. Reden wollen sie nicht. „Die Situation ist gerade sehr heikel“, sagt einer der beiden. Später wiederkommen? Vielleicht.

Die Flyer landen im Papierkorb

Videos, die von den Patrouillen der Scharia-Polizei gedreht wurden, zeigen diese meist in einer Straße namens Gathe. Die Gathe ist eine Ausfallstraße der Elberfelder Innenstadt, hier gibt es kleine Geschäfte, Restaurants, das Kulturzentrum Feuerwache, die Moschee der Ditib-Gemeinde, ein „Autonomes Zentrum“, viele Spielhallen und Wettbüros. Weiter die Straße entlang geht es in den Stadtteil Ostersbaum, geprägt von alternativer Kultur und dem Zusammenleben vieler Migranten. Samstags ist es voll auf der Gathe, Menschen unterhalten sich auf den Bürgersteigen oder gehen in eines der vielen Lokale. Der ideale Platz also für die Streifengänge der Scharia-Polizei. In der ersten Spielhalle möchte man keine Auskunft über die Salafisten geben. In drei weiteren sieht es ähnlich aus. Nur in einer Spielhalle erzählt die Aufsicht wenig begeistert vom Besuch der Salafisten. Sie hätten einen Spieler angesprochen und Flyer dagelassen, die schnell im Papierkorb gelandet seien.

Zurück zur Moschee, ein zweiter Versuch. Auf dem Parkplatz steht ein junger Mann mit langem Bart, wallendem Gewand und islamischer Kopfbedeckung. Schon von draußen ist zu hören, dass es in der Moschee mittlerweile deutlich voller ist. Die Fenster sind geöffnet. Eine Interviewanfrage wird diesmal schon an der Tür zum Treppenhaus abgelehnt. Von einem Mann Mitte 20, der eher aussieht wie ein Fußball-Hooligan. Er ist muskulös, die Arme sind tätowiert, er trägt eine Jogginghose und eine Bauchtasche. „Unser Imam ist nicht da, ich kann keine Interviews geben“, sagt er. Auf die Scharia- Polizei angesprochen erklärt er: „Das war ein Joke, aber der hat funktioniert, die Moschee ist voll.“