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Schicksal zweier Bischöfe weiter unklar : Fluchtwelle syrischer Christen befürchtet

Zwar kamen die beiden in Syrien entführten Bischöfe schnell wieder frei – doch der Fall bringt die Opposition in Erklärungsnot. Die Furcht vor Anarchie im syrischen Rebellengebiet wächst. Eine Fluchtwelle syrischer Christen aus ihren angestammten Gebieten wird wahrscheinlicher.

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Komplizierte Symbolik: In den syrischen Farben bemalte Kreuze als Protest gegen Assad.
Komplizierte Symbolik: In den syrischen Farben bemalte Kreuze als Protest gegen Assad.Foto: AFP

Auch in „befreiten“ Gebieten Syriens unter Kontrolle der Rebellen sind Christen nicht vor den Wirren des Bürgerkrieges sicher: Bei der Stadt Aleppo in der Nähe der türkischen Grenze haben mutmaßliche tschetschenische Extremisten am Dienstag zwei Bischöfe entführt, die auf dem Rückweg aus der Türkei waren. Der Fahrer der beiden, ein Diakon, wurde von den Entführern erschossen. Nachdem zunächst vermeldet wurde, die Bischöfe seien wieder frei, ist das Schicksal der beiden weiter unklar. „Die aramäische Gemeinschaft weltweit ist weiterhin sehr besorgt“, erklärte der Bundesvorsitzende Daniyel Demir. Eine Freilassung könne noch nicht bestätigt werden.

Für das syrische Oppositionsbündnis SNC ist die Entführung im Rebellengebiet Nord-Syriens ein Rückschlag. Erst vor wenigen Tagen hatten die Assad-Gegner in Istanbul ihren westlichen Unterstützern versichert, in ihrem Machtbereich würden Menschenrechte und religiöse Vielfalt geachtet.

Nach Informationen des christlichen Nachrichtenportals „Hristiyan Gazete“ in der Türkei waren der christlich-orthodoxe Metropolit von Aleppo, Paulus Yazici, und der syrisch-orthodoxe Metropolit von Aleppo, Yohhana Ibrahim, am Montagabend von der Türkei aus mit einem Privatwagen in Richtung Aleppo aufgebrochen. Sie reisten über den Grenzübergang Cilvegözü bei Reyhanli in der südtürkischen Provinz Hatay aus – der Grenzübergang auf syrischer Seite wird wie die ganze dortige Gegend von den Rebellen der „Freien Syrischen Armee“ (FSA) kontrolliert.

Etwa 20 Kilometer hinter der Grenze wurde das Auto der Bischöfe von Bewaffneten gestoppt, die den Fahrer töteten und die Geistlichen entführten. Vertreter der syrisch-orthodoxen Christen in Syrien erklärten, bei den Entführern handele es sich um eine tschetschenische Gruppe.

Die Furcht vor Anarchie im syrischen Rebellengebiet wächst. Eine Fluchtwelle syrischer Christen aus ihren angestammten Gebieten nahe der Türkei wird wahrscheinlicher. Die Türkei bereitet die Einrichtung von zwei Flüchtlingslagern für syrische Christen vor.

Schließlich zeigt die Gewalttat, dass die FSA und die Führung der Rebellen die Lage in ihren Machtgebieten nicht unter Kontrolle haben. Viele verschiedene Milizen nehmen am Kampf gegen den syrischen Präsidenten Baschar al Assad teil; zuletzt hatten islamistische Kämpfer stark an Einfluss hinzugewonnen.

Die zivile Opposition bemühte sich erst vor wenigen Tagen bei einem Treffen mit den Außenministern wichtiger westlicher Staaten in Istanbul, die Bedenken wegen einer zunehmenden Islamisierung zu zerstreuen. Doch die Entführung der Bischöfe in einem Gebiet, das längst der Kontrolle von Assad entglitten ist, dürfte innerhalb und außerhalb von Syrien die Sorge wachsen lassen, dass nicht-muslimische Minderheiten im Bürgerkriegsland einer wachsenden Gefahr ausgesetzt sind. Zwischen fünf und zehn Prozent der rund 23 Millionen Syrer sind Christen.

Vertreter der kleinen syrisch-orthodoxen Minderheit in der Türkei haben bisher mehrere hundert Christen aus Syrien in Privathäusern und in Klöstern der Gegend Tur Abdin, rund 50 Kilometer nördlich der Grenze, unterbringen können. Für einen Massenansturm würde dies aber nicht ausreichen. In die bestehenden türkischen Auffanglager, in denen rund 200 000 Syrer leben, wollen die Christen nicht einziehen, weil sie Repressalien der Muslime befürchten.

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