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Schiffsunglück im Mittelmeer vor libyscher Küste : Hilfsorganisation befürchtet Tod von 400 Flüchtlingen

Nach dem Untergang eines Flüchtlingsbootes am Sonntag im Mittelmeer vor der libyschen Küste werden nach Angaben von Überlebenden noch bis zu 400 Menschen vermisst. Der Chef der EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber, fordert eine bessere finanzielle Ausstattung der EU-Grenzschutzagentur Frontex und ein Konzept der EU-Kommission zur Migrationspolitik.

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Archivbild von einem Flüchtlingsboot vor der italienischen Insel Lampedusa.
Archivbild von einem Flüchtlingsboot vor der italienischen Insel Lampedusa.Foto: dpa

Nach der Flüchtlingstragödie vor der libyschen Küste hat der Vorsitzende der konservativen EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber (CSU), zusätzliche finanzielle Mittel für die EU-Grenzschutzagentur Frontex gefordert. Frontex müsse „angemessen ausgestattet werden, um seine Aufgaben zu erfüllen“, sagte Weber dem „Tagesspiegel“ (Donnerstagausgabe). Zudem forderte er die EU-Kommission auf, „in absehbarer Zeit entschlossene Vorschläge zur Migrationspolitik“ vorzulegen.

"Die täglich neuen Tragödien im Mittelmeer verdeutlichen, dass Europa und die Mitgliedstaaten endlich handeln müssen", sagte Weber weiter. Dazu brauche es eine umfassende Strategie zur Flüchtlingspolitik, aber auch Sofortmaßnahmen, darunter eben eine bessere finanzielle Ausstattung für Frontex. Die EU-Grenzschutzagentur hatte Ende des vergangenen Jahres eine neue Operation namens Triton gestartet, welche die erfolgreiche Mission "Mare Nostrum" zur Rettung von Flüchtlingen abgelöst hatte. Dank der italienischen Mission "Mare Nostrum" waren seit Oktober 2013 mehr als 130 000 Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet worden. Die europäische Nachfolge-Mission Triton verfügt über geringere finanzielle Mittel als die italienische Seerettungs-Operation: Während "Mare Nostrum" auf ein monatliches Budget von rund neun Millionen Euro zurückgreifen könnte, sind es im Fall von Triton jeden Monat rund 2,8 Millionen Euro.

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament, Rebecca Harms, erklärte, dass mit jedem Flüchtling, der im Mittelmeer ertrinkt, "ein Stück Europa stirbt". "Unsere Trauerrituale werden hohl, wenn wir in der EU weiter eine konsequente und unseren Möglichkeiten angemessene Politik verweigern", sagte Harms weiter. Dabei gehe es nicht nur um bessere Seenotrettung, sondern auch darum, "dass die EU angesichts humanitärer Krisen, wie zum Beispiel in und um Syrien, viel großzügiger helfen und mehr Menschen aufnehmen muss".

Bei einem Schiffsunglück vor der libyschen Küste sind nach Angaben einer Hilfsorganisation vermutlich 400 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Dies gehe aus Schilderungen von Überlebenden hervor, die in der süditalienischen Stadt Reggio Calabria angekommen seien, teilte die Organisation Save the Children am Dienstag mit. Unter den Opfern seien auch Kinder.

Die italienische Küstenwache hatte am Montag 144 Flüchtlinge von einem Boot gerettet, das vor der Küste Libyens gekentert war. Neun Leichen wurden geborgen. Eine große Rettungsaktion wurde eingeleitet. Weitere Überlebende seien aber nicht gefunden worden, meldete die italienische Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf die Küstenwache. Auch die Internationalen Organisation für Migration (IOM) berichtete von Zeugenaussagen, wonach sich bis zu 550 Menschen auf dem Boot befunden haben, als es umgekippt sei.
"Wir ermitteln noch, wie es zu dem Untergang kommen konnte", sagte der IOM-Sprecher für Italien, Flavio Di Giacomo. Das Schiff sei womöglich gekentert, als sich die Passagiere gleichzeitig auf eine Seite bewegten, als sie die nahende Küstenwache bemerkten.

Es wäre eine der schlimmsten Flüchtlingskatastrophen auf dem Mittelmeer, seit im Oktober 2013 mehr als 360 Menschen vor der italienischen Insel Lampedusa umgekommen waren. Das Unglück hatte eine große Diskussion um die Flüchtlingspolitik Europas ausgelöst.

Auffanglager extrem überfüllt

Derzeit kommen Tausende Migranten vor allem aus Ländern Afrikas südlich der Sahara und aus Syrien in Italien an. Viele Boote starten in Libyen, das vom Bürgerkrieg zerrissen ist. Seit Freitag rettete die Küstenwache etwa 8500 Menschen. Viele Auffanglager in Italien sind vollkommen überfüllt. Auf Lampedusa sollen 1400 Menschen in einem Lager sein, das für etwa 250 ausgelegt ist.

„In der Nähe von Tripoli lebten wir für vier Monate in einer Sardinenfabrik, wir waren mehr als tausend Leute“, erzählte eine Gerettete der Agentur Ansa von ihren Erlebnissen vor der Abfahrt. „Wir haben nur einmal am Tag gegessen und konnten nichts machen. Wenn man mit einem Freund oder Nachbarn gesprochen hat, wurde man geschlagen.“

Das italienische Rettungsprogramm für Flüchtlinge „Mare Nostrum“ war vergangenes Jahr ausgelaufen. Es wurde durch die EU-Grenzschutzmission „Triton“ abgelöst. Menschenrechtler und Hilfsorganisationen sehen darin aber mehr eine Abschreckungsmaßnahme als ein Rettungsprogramm für Menschen in Not. Rom pocht seit langem auf mehr Hilfe aus Europa, um die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen. (mit dpa/AFP)

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