Politik : Schlüsselfigur des Völkermords

Christoph Link

Als der Hutu-Flüchtling Bagosora 1996 in Kamerun gefasst und ausgeliefert wurde, da frohlockten Diplomaten in Ruandas Hauptstadt Kigali: Jetzt sei der "Himmler" des ruandischen Völkermordes hinter Gittern. Immerhin sechs Jahre dauerte es aber noch, bis gestern der Prozess gegen Oberst Theoneste Bagosora begann. Der UN-Gerichtshof in Arusha in Tansania zur Aufklärung des Völkermordes in Ruanda leidet unter Personalnot. Von 400 des Genozids verdächtigen Prominenten sind 53 inhaftiert, acht verurteilt und einer freigesprochen worden. Auch in Ruanda, wo die einfachen Täter des Genozids angeklagt werden, ziehen sich die Verfahren hin. Dort sitzen noch 100 000 Verdächtige hinter Gittern.

Mit Bagosora und weiteren drei Militärs glaubte man jetzt in Arusha einen "dicken Fisch" auf die Anklagebank setzen zu können. Doch die vier Häftlinge weigerten sich gestern, ihre Zellen zu verlassen, da sie angeblich wichtige Dokumente nicht einsehen konnten. Der vorsitzende Richter eröffnete die Verhandlung trotzdem in deren Abwesenheit.

Der heute 61-jährige Bagosora war Stabschef im Verteidigungsministerium Ruandas. Als das Land am 6. April 1994 in eine Krise stürzte, wuchs ihm eine Schlüsselrolle zu. Der erste Hutu-Präsident des Landes, Juvenal Habyarimana, war mit seinem Flugzeug abgeschossen worden, bis heute ist die Tat ungeklärt. Das Attentat war der Auslöser für den vier Monate währenden Massenmord von Hutu-Milizen an schätzungsweise 800 000 Tutsi und gemäßigten Hutu. Nach dem Flugzeugabschuss leitete Bagosora einen Krisenstab von Offizieren, er sprach sich gegen die Machtübernahme durch die amtierende Premierministerin Agathe Uwilingiyimana aus. Einen Tag später wurde die Premierministerin von Regierungssoldaten erschossen, zusammen mit zehn belgischen Soldaten ihrer Eskorte. Der Oberst habe gewusst, dass diese Menschen in Lebensgefahr waren, so die Anklage. Schon Jahre vor dem Genozid soll Bagosora Pläne zur Ausrottung der Tutsi-Minderheit gehegt haben. Bei einem Schuldspruch in Ruanda würde den vier Angeklagten die Todesstrafe drohen, doch der UN-Gerichtshof in Arusha verhängt als Höchststrafe lebenslänglich.

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