Politik : Schon bei Diebstahl droht in Russland Straflager

Elke Windisch[Moskau]

Russland geht mit seinen jugendlichen Straftätern rabiat um. Schon Ladendiebstahl mittlerer Schwere reicht für die Einweisung in ein Jugendstraflager. Russen sind im Allgemeinen mit 16 Jahren strafmündig, bei Delikten wie Mord, Totschlag, schweren Raubüberfällen und Verbrechen mit nationalistischem oder rassistischem Hintergrund werden jedoch bereits 14-Jährige strafrechtlich zur Verantwortung gezogen.

Seit Ende der Neunziger existiert zudem ein spezielles Jugendstrafrecht, das für Minderjährige weniger harte Strafen vorsieht und auf Umerziehung und Resozialisierung setzt. Doch nur theoretisch – die Praxis sieht häufig anders aus.

Zwar steht in den Jugendstrafkolonien neben Umerziehung auch eine berufliche Ausbildung auf dem Programm. Obwohl der Strafvollzug dem Justizministerium unterstellt ist, sind die Erzieher jedoch Polizeioffiziere. Viele haben ihre Ausbildung in der Sowjetära erhalten und sind mit den neuen Realitäten überfordert. Das Vollzugspersonal in den Jugendstraflagern ist zudem schlecht besoldet und deshalb wenig motiviert. Die „Erziehung“ von Neuzugängen übernehmen meist ältere Wiederholungstäter.

Soziologen und Pädagogen warnen daher, in Russlands Jugendstraflagern und in den staatlichen Kinderheimen wachse die nächste Generation Schwerstkrimineller heran. Für besorgniserregend halten Experten auch den Trend, wonach die Straftäter immer jünger werden. Gleichzeitig sinkt die Hemmschwelle drastisch, die Schwere der Vergehen dagegen nimmt bei Jugendlichen rasant zu.

Tatmotiv für Straftaten ist meist Sozialneid. Das Opfer hat das bessere Handy oder die bessere Spielkonsole, zuweilen genügen Markenturnschuhe als Motiv für einen Raubüberfall. Diesen begehen die Täter gewöhnlich kollektiv. Wenn sich das Opfer wehrt, endet der Überfall oft mit Verletzungen oder Totschlag. Regierungsnahe Experten erklären dies vor allem mit der Gewalt im Fernsehen. In der Tat kopieren die Jugendlichen das, was Krimiserien an Gewalt bieten, häufig eins zu eins. Kritische Forscher sehen das ähnlich, für sie ist das Fernsehen jedoch nur eine von vielen Ursachen. Sie kritisieren, dass die vom Alltagsstress gebeutelten Eltern die Erziehung der Kinder einfach den Schulen überlassen. Dazu kommt, dass sie für ihre Kinder oft selbst ein Negativbeispiel abgeben. Russen, so äußerte sich kürzlich ein Publizist, hätten eben kein Unrechtsbewusstsein und traditionell Probleme, nach dem Gesetz zu leben. Auch drakonische Strafen würden sie nicht abschrecken.

Jüngstes Beispiel sind die hohen Strafen, die russische Autofahrer seit Jahresbeginn bezahlen müssen, wenn sie nicht angeschnallt sind oder bei Rot fahren: Die meisten bezahlen einfach – viele aber versuchen, und zwar erfolgreich, mit der Polizei zu feilschen.

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