Schüsse auf dem Maidan : Verwirrung um abgehörtes Telefonat

In einem abgehörten Telefonat mit der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton soll Estlands Außenminister Urmas Paet über Gerüchte gesprochen haben, dass die neue Führung in Kiew hinter den Todesschüssen auf dem Maidan stecke. Was ist davon zu halten?

Nina Jeglinski
Gedenken in Kiew an die Toten vom Maidan
Gedenken in Kiew an die Toten vom MaidanFoto: AFP

Die Geschichte liest sich wie ein Krimi: In einem abgehörten Telefonat zwischen der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton und dem Außenminister Estlands Urmas Paet geht es auch um eine mögliche Beteiligung der neuen ukrainischen Regierung an den von Scharfschützen abgefeuerten Schüssen auf dem Kiewer Maidan am 20. Februar. Damals waren an einem Vormittag fast 50 Menschen erschossen worden.

Paet gibt vor, er sei von der Maidan-Aktivistin und Ärztin Olga Bogomolets darauf hingewiesen worden, dass auf Demonstranten und Sicherheitskräften von den gleichen Scharfschützen geschossen worden sei. Der Außenminister, der das Gespräch bestätigte, sagt in der am Mittwoch auf Youtube gestellten Aufnahme vom 25. Februar, es werde mehr und mehr angenommen, dass hinter den Schüssen nicht Ex-Präsident Viktor Janukowitsch, sondern Leute aus der neuen Koalition stünden. Die heikle Unterredung war erst kurze Zeit im Netz, da verschickten staatliche russische Medien bereits Eilmeldungen.

Paets Sprecherin bestätigte inzwischen die Authentizität der Aufnahme, deren Veröffentlichung sie verurteilte. „Wir weisen die Annahme zurück, dass Paet die Einschätzung äußerte, dass die Opposition in die Gewalt verwickelt war“, fügte die Sprecherin hinzu.

Auch die Ärztin Bogomolets dementierte den Bericht. Über die Wunden der verletzten Sicherheitskräfte könne sie nichts sagen, weil sie diese nicht behandelt habe, sagte sie dem britischen „Telegraph“. Außerdem sagte sie, dass jemand, der die Opfer behandele, unmöglich die Art der benutzten Waffen bestimmen könne.

In Kiew sucht man seitdem die Ärztin Olga Bogomolets, viele Journalisten versuchten sie vergeblich zu erreichen. Sie gilt als eines der Gesichter des Maidan und hat Ende November, als die ersten Demonstranten schwer verletzt wurden, den Medizinischen Dienst auf dem Unabhängigkeitsplatz mit aufgebaut. Wie andere Maidan-Aktivisten auch sollte sie einen Posten in der Übergangsregierung bekommen, lehnte aber überraschend ab.

Und wer hat nun geschossen auf dem Maidan? Der Großteil der ukrainischen Presse und der Beobachter der Ereignisse vom 19. und 20. Februar verweisen auf einschlägige Videos und Bilder: Die Schüsse kamen von Scharfschützen, die sich unter die Soldaten der Sondereinheit Berkut gemischt hatten. Einige von ihnen trugen gelbe Bänder an den Oberarmen.

„Dass sich Männer der Selbstverteidigung oder gar des rechten Sektors unter die Soldaten von Janukowitsch gemischt haben sollen, ist abenteuerlich. Vieles deutet daraufhin, dass die Männer aus dem Ausland geschickt wurden“, sagt ein bekannter ukrainischer Politologe, der in diesem Zusammenhang nicht genannt werden will.

Bereits vor einigen Wochen war ein Mitschnitt eines Telefonats der US-Spitzendiplomatin Victoria Nuland mit dem US-Botschafter in Kiew aufgetaucht, in dem sie sich abfällig über die EU äußert. Dass nun ein weiteres Telefongespräch abgehört und später im Internet veröffentlicht wurde, deutet darauf hin, dass dies Teil einer gezielten Propagandaaktion ist. Experten gehen davon aus, dass der russische Geheimdienst hinter der Abhöraktion steckt. Besonders der Staatssender „Russia Today“ hatte die Nachricht von dem Gespräch zwischen Paet und Ashton verbreitet und dabei so getan, als sei damit bewiesen, dass Maidan-Aktivisten die Scharfschützen beauftragt hätten.

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