Politik : Schwäne – die neuen „Ratten der Lüfte“

Die Vogelarten sind unterschiedlich anfällig für H5N1-Infektionen, deshalb sind manche gefährlicher als andere

Dagny Lüdemann

Berlin - Eine regelrechte Vogelphobie herrscht in Deutschland, seitdem das Geflügelpestvirus vom Stamm H5N1 vor gut einer Woche bei toten Schwänen auf Rügen nachgewiesen wurde. Der Grund dafür ist Verwirrung: Einerseits werden täglich große Mengen an toten Schwänen, Gänsen und Enten von Feuerwehrleuten in Schutzanzügen und mit Atemmasken geborgen und zur Untersuchung in hermetisch abgeriegelte Labore gebracht. Andererseits geben Wissenschaftler Entwarnung bei verendeten Tauben oder Singvögeln: Sie könnten bedenkenlos mit einfachen Gartenhandschuhen aufgehoben und in die Mülltonne geworfen werden.

Dabei galten doch gerade Tauben immer als „Ratten der Lüfte“ – als unhygienische Bazillenschleudern, die man nicht füttern sollte, während weiße Schwäne als reinlich und fütternswert empfunden wurden. Warum ändert sich mit der Vogelgrippe jetzt auch das Image unserer heimischen Arten?

Unter den infizierten Vögeln, die bisher in Deutschland entdeckt wurden , waren über 90 Prozent Wasservögel, also Schwäne, Gänse, Enten und Möwen. Tote Singvögel oder Tauben mit H5N1 wurden hierzulande bisher nicht gefunden. Nur drei Greifvögel fallen aus der Reihe, die ebenfalls Vogelgrippe hatten.

„Wasservögel und Hausgeflügel sind besonders anfällig und können auch andere Vögel anstecken“, sagt Jochen Hentschke, Leiter des Berliner Instituts für Lebensmittel, Arzneimittel und Tierseuchen (Ilat). „Tauben spielen keine so große Rolle, weil sie das Virus nicht weitergeben können“, erklärt der Tierarzt, der alle in Berlin gefundenen Vogelkadaver auf Grippeviren untersucht. „Dennoch können Tauben Krankheiten übertragen“, sagt Hentschke.

„Wir wissen, dass Virenstämme eine Affinität zu ganz bestimmten Tierarten haben“, erklärt der Veterinärmediziner, aber warum Tauben am Ende der Infektionskette stehen und das Virus aufnehmen, aber nicht weitergeben können, weiß auch der Experte nicht. „Die spezifischen Faktoren, die dazu führen, dass ein Geflügelpeststamm für eine Vogelart gefährlicher ist als für eine andere, werden noch erforscht,“ sagt Wolfgang Garten, Virologe an der Universität Marburg. Auch was die Übertragung von H5N1 auf Hunde oder Katzen angeht, herrscht Verwirrung. Manche Experten halten die Warnungen von Ministern für überzogen, Haustiere nicht mehr unangeleint herumlaufen zu lassen. „Die aufgenommene Virusmenge spielt eine große Rolle bei der Ansteckung“, erklärt Hentschke. Er kann sich nicht vorstellen, dass Katzen sich anstecken, wenn sie einen infizierten Singvogel fressen. Grundsätzlich können sich Katzen infizieren: 2004 wurde H5N1 bei thailändischen Zootigern nachgewiesen – sie hatten große Mengen infiziertes Geflügel gefressen.

Im Moment sei es besonders wichtig, die Übertragung auf Hausgeflügel zu verhindern, meint Hentschke. „Hühner und Gänse sind extrem anfällig. Bei ihnen beträgt die Inkubationszeit nur wenige Stunden bis zwei Tage.“ Wie lang die Inkubationszeit bei Schwänen oder Enten ist, weiß man bisher nicht genau. Deshalb ist auch unklar, wie lange die in Deutschland gefundenen Wasservögel Zeit hatten, andere Tiere anzustecken.

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