Schwarze Geisterstunde : Affäre um Bundespräsidenten überschattet CDU-Klausurtagung

Nie war Christian Wulff bei einer Vorstandsklausur seiner CDU so gegenwärtig wie diesmal in Kiel: Obwohl abwesend, saß der affärengeplagte Bundespräsident quasi bei jedem mit am Tisch.

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Angela Merkels Umfragewerte sind trotz der Affäre Wulff gut.
Angela Merkels Umfragewerte sind trotz der Affäre Wulff gut.Foto: dapd

Früher, sagt einer, früher wäre der Christian der Erste von uns gewesen, der von diesem Bundespräsidenten öffentlich abgerückt wäre. Irgend so einen dieser typischen Wulff’schen Sätze hätte man zu hören bekommen, mit freundlich-sorgenvoller Miene vorgetragen: Wenn irgendwo ein moralischer Zeigefinger zu erheben war, „war der vom Christian sofort oben“.

Der Mann steht vor dem Kieler Atlantic-Hotel; einmal Luft schnappen, ein kurzer Blick auf die Förde. Drinnen ist Klausur des CDU-Vorstands zum Jahresanfang, die ist immer so etwas wie ein erstes Klassentreffen nach den Ferien. Man wünscht sich ein gutes Neues Jahr, fasst gute Vorsätze und bespricht den Stundenplan der nächsten Monate. Christian Wulff war lange Jahre dabei. Aber so allgegenwärtig, um nicht zu sagen bestimmend wie diesmal ist er zu seinen Zeiten als Angela Merkels Vize im Parteivorsitz nie gewesen.

Die Causa Wulff
Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das Büro mit Mitarbeitern geht.Weitere Bilder anzeigen
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04.03.2012 21:00Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das...

Dabei mag eigentlich keiner mehr etwas hören von diesem „Fall Wulff“, es geht da den Politikern wie den Leuten. Amtlich spielt er auch fast keine Rolle. Merkel erwähnt ihn in ihrem politischen Bericht am Freitagabend kurz und lakonisch: In einer Demokratie werde eine solche Debatte nicht durch Kommando beendet, sondern dann, wenn alle Fragen beantwortet seien; im Übrigen wünsche sie sich, dass Christian Wulff seine erfolgreiche Arbeit im In- und Ausland fortsetzen werde. Amtlich zu Wort meldet sich daraufhin nur das Vorstandsmitglied Dagmar Schipanski. Den Beitrag der Thüringerin, die selbst einmal Kandidatin fürs höchste Staatsamt war, fasst ein Zuhörer später so zusammen, dass man erst nicht genau gewusst habe, ob sie Wulff kritisieren wollte, es dann aber doch mehr wie eine Verteidigung geklungen habe. Das war’s, amtlich jedenfalls. Doch danach beim geselligen Abend hat es keinen einzigen Tisch im Saal gegeben, an dem nicht dieser Christian Wulff quasi als stummer Gast dabei gesessen hat. Und das trotz Euro-Krise, Ratingagenturen und der Agonie der FDP.

Der Fall, um es vorsichtig zu sagen, ist in den Augen der CDU-Führung weder ausgestanden noch harmlos. „Natürlich ist das nicht fröhlich“, murmelt ein Präsidiumsmitglied abseits der Kameras. „Deshalb sprechen wir’s ja auch nicht an.“

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