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Schwere Ausschreitungen : Gewalt gegen Frauen in Indien ist beispiellos

24.12.2012 14:39 Uhrvon
Indische Demonstranten zerstören ein Polizeiauto in Neu-Delhi.Bild vergrößern
Indische Demonstranten zerstören ein Polizeiauto in Neu-Delhi. - Foto: AFP

UpdateNach der bestialischen Gewalttat an einer jungen Studentin erlebt das Land eine beispiellose Protestwelle und schwere Unruhen, die an den arabischen Frühling erinnern. Die Polizei antwortet mit Schlagstöcken, Tränengas und Wasserwerfern.

Sie trotzen dem Tränengas. Sie trotzen den Wasserwerfern. Und sie trotzen den Schlagstöcken der Polizei. "Wir wollen Gerechtigkeit", "Hängt die Vergewaltiger" und "Genug ist genug", schreien sie, bis sie heiser sind. Eine Woche nach der bestialischen Gruppenvergewaltigung einer 23-jährigen Frau haben tausende Menschen, die meisten junge Studentinnen und Studenten, am Wochenende in Indien ihrer Wut über die wachsende Gewalt gegen Frauen Luft gemacht – und das direkt vor der Haustür der Mächtigen, Delhis Regierungsviertel Raisina Hill.

TV-Sender sprachen von einer "beispiellosen" Protestwelle, Analysten fühlten sich an Anfänge des Aufstandes am Tahrir-Platz erinnert.

Am Montag hat Regierungschef Manmohan Singh zur Ruhe aufgerufen. Es gebe im Land „aufrichtige und berechtigte Wut und Angst wegen dieses grässlichen Vorfalls“, sagte Singh am Montag in einer Fernsehansprache. Er mahne aber „Frieden und Ruhe“ an. "Als Vater dreier Töchter habe ich die gleichen Gefühle wie Sie“, sagte Singh. „Ich versichere, dass wir alle möglichen Anstrengungen unternehmen werden, um für die Sicherheit aller Frauen im Land zu sorgen.“ Zu den Ausschreitungen bei den Demonstrationen sagte er, Gewalt führe nicht weiter. Die Stimmung, die am Samstag bis zum harten Vorgehen der Polizei weitgehend friedlich war, wurde am Sonntag aufgeheizter. Rowdies zündeten Barrikaden und Autos an und versuchten, die Absperrungen vor dem Präsidentenpalast zu stürmen. Es kam zu Straßenschlachten mit der Polizei. Die meisten Demonstranten blieben friedlich.

Die Polizei setzte erneut Schlagstöcke, Tränengas und Wasserwerfer ein. Es gab zahlreiche Verletzte. Im Nordosten Indiens wurde ein TV-Journalist erschossen, als die Polizei das Feuer auf die Demonstranten eröffnete. Auch in Mumbai, Kalkutta, Chennai und anderen Städten zogen Menschen auf die Straße. Sie fordern mehr Schutz für Frauen, schnellere Verfahren und härtere Strafen bis zum Tod für Vergewaltiger - so gehen bisher drei von vier Tätern straffrei aus.

Aus Angst, dass die Proteste außer Kontrolle geraten, hatte Delhi am Sonntag ein Demonstrationsverbot für das Regierungsviertel verhängt und alle Metrostationen in der Nähe geschlossen. Dennoch versammelten sich Tausende am India Gate und am Jantar Mantar im Zentrum Delhis. Viele mussten zuvor kilometerweit laufen.

 Die "aggressive Antwort" (The Hindu) der Polizei auf die Proteste empörte viele Bürger. "Ich bin stolz auf diese demonstrierenden Jugendlichen, sagte eine 53-järige Mutter. "Und ich bin stolz, hier zu sein." Auch Bollywood-Schauspieler stellten sich auf die Seite der Demonstranten: "Danke an diese Jugend", twitterte Schauspieler Anupam Kher. Sein Kollege Kabir Bedi verurteilte das Versammlungsverbot der Regierung in Delhi als undemokratisch. 

Die Regierung wirkte hilflos. Um die Menge zu besänftigen, deutete Innenminister Sushil Kumar Shinde an, dass die sechs Täter gehängt werden. Die Regierung erwäge die Todesstrafe für solche "raren" Fälle. Die Chefin der regierenden Kongresspartei, Sonia Gandhi, versprach den Demonstranten: "Wir werden etwas tun." Doch viele Menschen sahen dies als bloße Lippenbekenntnisse.

Ausgelöst wurde die Welle der Wut durch die Gewalttat an einer 23-jährigen Medizinstudentin, die derart bestialisch war, dass sie selbst das Gewalt gewohnte Indien bis ins Mark erschütterte. Die junge Frau war Sonntag vor einer Woche in einem fahrenden Bus in Delhi zunächst von sechs Männern vergewaltigt und dann brutal mit Eisenstangen gefoltert worden, bis ihr Darm zerfetzt war. Ärzte haben sie inzwischen fünfmal notoperiert, ihr gesamter Darm musste entfernt werden.

Die behandelnden Ärzte sagen, sie hätten noch nie einen so grauenhaften Fall gesehen. Das Mädchen kämpft weiter um ihr Leben. Selbst wenn sie überlebt, wird sie für immer medizinische Betreuung brauchen. Ihre Eltern, arme Leute, hatten ihren einzigen Besitz, ein Stück Land, verkauft, damit sie studieren kann.

Die unfassbare Gewalttat ist nur die Spitze eines Eisbergs. Die Gewalt gegen Frauen in Indien hat ein solches Ausmaß, dass die prominente Autorin Shobhaa De von einem "nationalen Notstand" spricht. Eine Demonstrantin sagte: "Der Fall in Delhi ist ein Symbol für das, was Frauen jeden Tag in diesem Land erleiden."

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