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"Schwule Kommunistensau" : Messerattacke gegen Linken-Politiker in Wismar

Ein Jugendpolitiker der Linken ist in Wismar offenbar Opfer einer Gewalttat geworden - die Partei vermutet, dass die drei Täter Rechtsextremisten sind. Der Staatsschutz ermittelt.

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In der Altstadt von Wismar
In der Altstadt von WismarFoto: Jens Büttner/dpa

Ein Politiker der Linkspartei ist in Wismar offenbar aus politischen Motiven attackiert worden. Drei Täter hätten das Schweriner Kreisvorstandsmitglied Julian Kinzel am Montag niedergeschlagen und etwa 17 Mal mit einem Messer auf den jungen Mann eingestochen, teilte der Schweriner Linken-Kreisvorsitzende Peter Brill auf der Facebook-Seite der Partei mit. Er berief sich dabei auf Angaben der behandelnden Ärzte.

Der Vorfall ereignete sich demnach am Montag. Kinzel wurde am Montag und am Dienstag ambulant im Krankenhaus behandelt. Bei der Auseinandersetzung sei der Politiker, der auch einer der Sprecher der Linken-Jugendorganisation Solid ist, als "schwule Kommunistensau" beschimpft worden, berichtete Brill. "Dies und die Bekleidung eines der Täter mit szenetypischer Bekleidung (Thor Steinar) nähren den Verdacht, dass es sich um eine rechtsextremistisch motivierte Straftat handelt."

Dem Tagesspiegel sagte der Schweriner Linken-Kreischef: "Wenn 17 Mal auf jemanden eingestochen wird, nimmt man dessen Tod billigend in Kauf." Kinzel habe Stich- und Schnittverletzungen erlitten, hauptsächlich am Arm und in der Brust. Der 18-Jährige sei zur Tatzeit allein in der Nähe des Bahnhofs von Wismar unterwegs gewesen.

Julian Kinzel
Julian KinzelFoto: Die Linke Schwerin

Die Sprecherin des Rostocker Polizeipräsidiums, Isabel Wenzel, sagte am Mittwoch dem Tagesspiegel, der Staatsschutz habe die Ermittlungen in dem Fall übernommen, eine politisch motivierte Tat sei "denkbar". Es würden noch Zeugen gesucht, nachdem der Vorfall der Polizei erst am Dienstag über eine Internetanzeige bekannt geworden sei. Die Polizei hatte nach Angaben der Sprecherin auch zwei Tage nach der Tat noch keine direkten Kontakt zu Kinzel und konnte ihn deshalb auch nicht zum Ablauf am Montag befragen. Wenzel nannte den Fall nach bisherigem Ermittlungsstand "etwas nebulös", die Ermittler müssten die Lücke wegen der verspäteten Anzeige nun "mühevoll schließen".

Laut NDR sagte Polizei-Sprecherin Wenzel, es gebe noch Klärungsbedarf, da die von der Partei kommunizierten Informationen und die in der Anzeige genannten Fakten nicht deckungsgleich seien. In der Zeitung "Neues Deutschland" war zunächst von einem "Mordanschlag" die Rede, später korrigierte das Blatt diese Darstellung.

"Im Kampf gegen rechtsextremes Gedankengut nicht nachlassen"

Dietmar Bartsch, Fraktionschef der Linken im Bundestag, erklärte gemeinsam mit Brill: "Wir verurteilen diese Tat auf das Schärfste und erklären erneut, dass die Linke in ihrem Kampf gegen rechtsextremes Gedankengut nicht nachlassen wird. Wir fordern den Staatsschutz auf, die Ermittlungen schnell voranzutreiben und erwarten, dass die Täter schnellstmöglich ermittelt und zur Verantwortung gezogen werden." Bartsch hat seinen Bundestagswahlkreis in Schwerin.

Brill betonte: "Gegenüber rechtsradikalem Gedankengut und Gewalt darf es in unserer Gesellschaft keine Toleranz geben. Jedem muss klar sein: Wer der NPD oder anderen rechtsextremen Parteien auf Demonstrationen hinterherläuft, begünstigt als geistiger Brandstifter solche verabscheuungswürdigen Gewalttaten."

Linken-Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn erklärte: "Der aktuelle Fall belegt auf traurige Weise einmal mehr, wie gefährlich und menschenverachtend Rechtsextremismus ist. Wir können ihn nur besiegen, wenn die Zivilgesellschaft geschlossen diesem Feind entgegentritt. Wer rassistische, fremdenfeindliche Ressentiments schürt, bereitet denen den Boden, für die Hass und Gewalt gegen alle, die vermeintlich anders sind, zur Normalität gehört." Seit Monaten sei ein zunehmender Extremismus von rechts zu erleben, eine zunehmende Radikalisierung, die bis in die Mitte der Gesellschaft reiche: "Angriffe auf Flüchtlinge, Flüchtlingsunterkünfte, ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, auf Politikerinnen und Politiker und deren Büros. Demgegenüber steht eine unzureichende Anzahl an Täterermittlungen und eine unterirdische Aufklärungsquote. Das sind Zustände, die Demokratinnen und Demokraten nicht länger akzeptieren dürfen."

Julian Kinzel warnte in einer Reaktion auf der Facebook-Seite der Schweriner Linken vor einer weiteren Radikalisierung: "Unsere Antwort auf Hass muss Liebe, auf Dummheit Vernunft und auf Gewalt Solidarität sein. Somit ist Hass hier fehl am Platz. Lasst uns dieses Ereignis zum Anlass nehmen, solchen Ideologien durch mehr Menschlichkeit vorzubeugen. Nach meiner hoffentlich baldigen Gesundung werde ich dabei verstärkt mitwirken." Die "Berliner Zeitung" berichtete, Kinzel sei vor zwei Jahren in die Linke eingetreten und studiere in Wismar Wirtschaftsrecht. Er höre gern Punkmusik und interessiere sich für Malerei.

Gewalttätige Angriffe gegen Politiker sind in den vergangenen Jahren keine Seltenheit mehr - meist richten sie sich aber gegen deren Büros. Einem Bericht von tagesschau.de zufolge gab es in vergangenen fünf Jahren fast 500 solcher Attacken, die meisten von ihnen gegen Einrichtungen der Linkspartei. Gemessen an der Einwohnerzahl lagen Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern an der Spitze. In den vergangenen Monaten hatte es in Wismar mehrfach Angriffe auf Flüchtlinge gegeben.


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