Semiya Simsek klagt an : Das erste Buch der Neonazi-Opfer

Enver Simsek war das erste Opfer des NSU. Seine Tochter erzählt nun die Geschichte seines Todes. Es ist ein Drama - und trotzdem sagt sie: „Meine Heimat ist Deutschland.“

Armin Lehmann
Enver Simsek und seine Frau. „Kein einziger Tag, an dem sie nicht weinte.“
Enver Simsek und seine Frau. „Kein einziger Tag, an dem sie nicht weinte.“Foto: Ufuk Ucta

Die Geschichte ist dramatisch, aber der Ton der Erzählung bleibt leise, die Sprache auf das Wesentliche reduziert. Die sachliche Wiedergabe der Ereignisse reicht, um den Leser hineinzuziehen in diesen real existierenden Abgrund an Brutalität und Tragik. Es handelt sich um ein Drama der besonderen Art, weil es die Gesellschaft als Ganzes angeht.
Am 9. September 2000 wird der Blumengroßhändler Enver Simsek nahe Nürnberg getötet, mutmaßlich von den Rechtsextremisten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Im Buch wird aufgelistet, wo der damals 39-Jährige getroffen wird: „Drei Projektile stecken in seinem Kopf, zwei Kugeln im rechten Schulterbereich, dazu zwei Durchschüsse, einer ging durch den linken Unterarm, der andere hatte ... die linke Augenhöhle durchschlagen. Ferner eine Streifschussverletzung am linken Ellenbogen und ein Fehlschuss, der das Wagendach traf. Neun Schüsse.“
Der 9. September 2000 war der Beginn einer bisher in diesem Land beispiellosen Mordserie von Rassisten, die bis 2007 weitere neun Menschen das Leben kostete. Bei allen Morden gilt ein Satz aus dem Buch: „Sie hatten in reiner, unverstellter Tötungsabsicht gehandelt.“

Ermordet aus reinem Hass - Die Opfer des NSU
Enver Şimşek, wird am 9.September 2000 von acht Schüssen getroffen. Der Besitzer eines Blumengroßhandels in Schlüchtern, Südhessen, war das erste Opfer der rassistisch motivierten Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). An jenem Tag fiel ein Mitarbeiter aus, der normalerweise seinen Blumenstand an einer Ausfallstraße nahe Nürnberg betreute. Şimşek fährt selbst nach Nürnberg und wird dort von den Tätern angeschossen. Es dauert noch zwei Tage, bis er in einem Krankenhaus am 11.September 2000 im Alter von 38 Jahren den Schusswunden erliegt. Der Fall wird von der Bundesregierung erst 2012 als rassistisch motivierte Straftat anerkannt. Zu Beginn wurde auch gegen die Frau und Verwandte des Mannes ermittelt. Die Polizei verdächtigte den Getöteten des Drogenhandels.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: dpa
04.07.2012 15:04Enver Şimşek, wird am 9.September 2000 von acht Schüssen getroffen. Der Besitzer eines Blumengroßhandels in Schlüchtern,...

Die Tochter von Enver Simsek, Semiya Simsek, heute 26 Jahre, hat dieses erste Buch einer Hinterbliebenen gemeinsam mit dem Journalisten Peter Schwarz und ihren Anwälten Jens Rabe und Stephan Lucas geschrieben. Es ist ein zeithistorisches Dokument geworden, das dem Leser nahegeht und das es verdient, gelesen zu werden. Das Buch vereint drei Ebenen: Es erzählt die Lebensgeschichte von Enver Simsek und seiner Familie, es skizziert in Kenntnis von Ermittlungsakten das Vorgehen der Polizei, und es erhebt schwere Vorwürfe gegen den Staat und die Politik. Dieser politische Teil ist als Nachwort der beiden Rechtsanwälte ausgegliedert. Das Buch gibt Enver Simsek ein Gesicht, ein Leben. Es lenkt den Blick weg von den mutmaßlichen Tätern und den Pannen und Pleiten der Ermittler auf die immer noch weitestgehend anonymen Opfer.
Am 9. September 2000 liegt Enver Simsek in seinem Sprinter zwischen gebundenen Sträußen und losen Schnittblumen in einer Blutlache. Der Rettungsarzt stellt einen „kräftigen Puls“ fest, aber die Atmung des Mannes ist nur noch „ein heftiges, unregelmäßiges Röcheln“. Als Semiya Simsek, damals 14 Jahre, von einem Onkel ins Krankenhaus gebracht wird, darf die Mutter nicht bei ihr sein. Sie wird auf der Polizeistation verhört. Bereits im ersten Fax hatte die Nürnberger Polizei ihre Kollegen in Schlüchtern, dem Wohnort der Simseks, dazu aufgefordert, die Mutter „zu einem möglichen Tatverdacht zu vernehmen“. Elf Jahre lang wird dieser Verdacht auf der Familie lasten.
In all den Jahren wurde der Spur Fremdenfeindlichkeit nie ernsthaft nachgegangen, und diese Unterlassung wird im Buch auf Basis von Polizeiquellen als „Blindheit gegen rechts“ enttarnt. Bis ins Jahr 2007, als der letzte Mord verübt wurde, hat die Polizei den Opfern „undurchsichtige Lebensführung“ unterstellt. Schwarz, der die Polizeiakten einsehen konnte, schreibt von einem „Sammelsurium krudester ethnischer Vorurteile“ und „ins Rassistische spielender Klischees“.
Vor allem Semiyas Mutter muss leiden, die jahrelangen Verhöre machen sie schließlich krank. „Von der ersten Vernehmung an haben sie sie hart angefasst. Sie schrieen sie an, sie solle es endlich zugeben.“ Sie wird verdächtigt, gemeinsam mit ihrem Bruder den Ehemann umgebracht zu haben. Die Tochter schreibt: „Ich kann mich an keinen einzigen Tag erinnern, an dem sie nicht weinte.“

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben