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Separatisten-Offensive im Donbass : 8000 Ukrainer in Debalzewo eingekesselt

Im strategisch wichtigen Debalzewo sind 8000 ukrainische Soldaten von Separatisten eingekesselt worden. Präsident Petro Poroschenko fordert die Nato zu Waffenlieferungen auf, trifft dabei in Europa und den USA aber auf Ablehnung.

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Zivilisten verlassen das zerstörte Debalzewo. Ihre Lage ist katastrophal, viele sitzen in den Kellern ihrer zerschossenen Häuser, über ihn explodieren Granaten. Foto: dpa
Zivilisten verlassen das zerstörte Debalzewo. Ihre Lage ist katastrophal, viele sitzen in den Kellern ihrer zerschossenen Häuser,...Foto: dpa

Der ukrainischen Armee droht im Kampf gegen die Separatisten im Donbass ihre bislang schwerste Niederlage. Etwa 8000 Soldaten sollen in der strategisch wichtigen Kleinstadt Debalzewo eingekesselt sein. Die einzige bislang freie Straße aus der Stadt sei unter Dauerbeschuss, wie es in bislang nicht offiziell aus Kiew bestätigten Berichten heißt. Die benachbarte Stadt Wuhlehirsk sollen die prorussischen Rebellen schon eingenommen haben. Zwar erklärte ein Militärsprecher in Kiew, um den Ort werde noch umkämpft. Ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters konnte sich jedoch in etwas mehr als die Hälfte der Stadt frei bewegen und sah keine Anzeichen, dass die Armee noch Teile davon unter ihrer Kontrolle hat. Der Verlust von Wuhlehirsk wäre ein weiterer Rückschlag für die ukrainische Regierung.

Seit Tagen stellt sich die ukrainische Öffentlichkeit die Frage, wieso die Militärführung scheinbar tatenlos zusieht, wie ihre Truppen umzingelt werden. Parallel dazu läuft die Evakuierung der 25 000-Einwohner-Stadt äußerst stümperhaft. Rund 5000 Menschen sollen sich immer noch in der Stadt befinden. Viele Ukrainer fragen sich, ob das Ausmaß der Inkompetenz der ukrainischen Führung jedes erträgliche Ausmaß überschritten habe. In dieser verzweifelten Lage machen sogar Gerüchte die Runde, die Einkesselung der Truppen in Debalzewo werde bewusst in Kauf genommen, um mehr internationale Hilfe zu erzwingen.

Hilfsorganisationen schlagen weiterhin und weiterhin vergeblich Alarm. „Die Situation der Menschen in Debalzewo ist katastrophal“, sagte Joanne Mariner von Amnesty International (AI) der BBC. Vor allem die älteren Menschen könnten sich nicht alleine helfen. Viele von ihnen lebten in Kellern und seien vom ständigen Beschuss der Stadt traumatisiert. Die bislang ungenügenden Versuche, Zivilisten aus dem Kampfgebiet in Sicherheit zu bringen, bezeichnet AI als „erbärmlich“.

Das nächste Ziel könnte Mariupol heißen

Vieles deutet darauf hin, dass der Vorstoß der Separatisten gegen die ukrainischen Einheiten Teil ihrer angekündigten Großoffensive ist. Viele Experten erwarten, dass die von Russland mit modernen Waffen ausgerüsteten Kämpfer weitere Städte angreifen. Vor allem die Großstadt Mariupol am Asowschen Meer, wo derzeit viele ukrainische Kräfte gebündelt werden, soll bedroht sein.

Ministerpräsident Arseni Jazenjuk und Präsident Petro Poroschenko machen in der aktuellen Krise keine gute Figur. Der Präsident besuchte Mitte der Woche die Rüstungshochburg Charkiw. Kritische Fragen, wieso die ukrainische Rüstungsindustrie keine Aufträge bekomme, damit der Krieg im Osten nicht noch weitere Landverluste mit sich bringt, beantwortete das Staatsoberhaupt nicht. Jazenjuk sprach Anfang der Woche davon, man habe innerhalb von 48 Stunden 1000 Zivilisten aus Debalzewo evakuiert – Beobachter sprechen von höchstens 500 Geretteten.

Mit Blick auf die jüngsten Kämpfe und das Vorrücken der prorussischen Separatisten hat Poroschenko die Nato zu Waffenlieferungen an sein Land gedrängt. Dies müsste die Koalition dazu bewegen, „noch mehr Unterstützung für die Ukraine zu leisten, unter anderem durch die Lieferung von modernen Waffen zum Schutz und der Gegenwehr gegen den Aggressor“, sagte Poroschenko der „Welt“ (Donnerstag). Die Ukraine wolle den Frieden, doch dieser müsse von einer starken Armee mit modernen Waffen verteidigt werden. Europa und die USA bleiben aber beharrlich bei ihrem Nein zu Waffenlieferungen. Das machte auch US-Vizepräsident Joe Biden noch einmal deutlich. „Wir haben von Beginn an gesagt, dass es für diese Krise keine militärische Lösung gibt“, sagte er in einem schriftlichen Interview der „Süddeutschen Zeitung“. „Wir haben kein Interesse an einer militärischen Eskalation." Am Donnerstag trifft US-Außenminister John Kerry in Kiew zu Gesprächen mit Poroschenko über die aktuelle Lage in der Ukraine zusammen.

Der Anführer der „Volksrepublik Donezk“, Alexander Sachartschenko, hatte Ende Januar den Plan verkündet, die gesamten Regionen Donezk und Luhansk unter seine Kontrolle bringen zu wollen. Nach dem Sieg seiner Truppen am Flughafen von Donezk und der Einkesselung der Ukrainer bei Debalzewo sieht es danach aus, als ob den Separatisten genau das gelingen könnte.

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