Sexismus-Debatte : Sookee und der #Aufschrei

Herr Brüderle, der alltägliche Sexismus und eine Debatte: Der Rapperin Sookee geht das Gerede über Dekolletés und mutige Frauen genauso auf den Keks wie Macker im HipHop.

von und Karl Grünberg
Kein Gangsta-Rap Drei Alben hat die 29-jährige Sookee aus Berlin veröffentlicht. Sie studierte Gender und Linguistik, arbeitete als Lehrerin. www.sookee.de      Foto: Mario Thieme
Kein Gangsta-Rap Drei Alben hat die 29-jährige Sookee aus Berlin veröffentlicht. Sie studierte Gender und Linguistik, arbeitete...

Sookee, Sie rappen, seit Sie 17 sind. Wie oft erleben Sie Seximus im Hip-Hop?

Ständig. Ein Berliner Rapper reimt: „Ich pack der Schlampe in ihr Glas ein paar Komapillen und fick sie hart in meinem Studio auf meinem Kokafilm.“ Und der wird in ein Sozialverträglichkeitsprojekt gestopft, Staat, Kirche, alle bezahlen dafür. Dabei braucht es nur zwei Klicks, um ungefiltert diese Vergewaltigungsfantasien zu hören. Das ist die Selbstverständlichkeit von Sexismus 2013.

Seit Tagen redet ganz Deutschland über Sexismus. Macht Ihnen das Hoffnung?

Es kotzt mich eigentlich hochgradig an, dass das immer noch ein Thema ist. Ich würde lieber über etwas anderes schreiben. Aber ich weiß, dass ich mich trauen kann, öffentlich von meinen eigenen Gewalterfahrungen explizit oder implizit zu sprechen. Natürlich ist es gut, dass es die Debatte jetzt gibt.

Sie rappen: „Uns stigmatisiert, dumm angeguckt, uns angeprangert, uns angespuckt, quatscht uns nicht voll, fasst uns nicht an, wer weiß, was das soll, was will dieser Mann.“ Wann ist das zuletzt passiert?

Auf einer Party hat mich ein Typ, der hacke war, vollgelatzt. Ich habe das totale Desinteresse signalisiert, trotzdem hat er mein Gesicht gepackt und mich geküsst. Ich habe ihn rausschmeißen lassen. Ich kann mich ja nicht ständig prügeln.

Nicht jede ist so schlagfertig.

Man kann das trainieren. Oder sich genau überlegen, wo man sich hinsetzt. Kennt man ja aus den 80ern, wo sich Frauen in Bahnen immer im ersten Waggon getroffen haben. Es ist aber auch gut, das hinterher loszuwerden. Bei Hollaback zum Beispiel. Das ist eine Plattform, auf der Frauen einfach posten, was ihnen geschehen ist. Der Vorläufer zum Aufschrei auf Twitter. Es muss nicht immer eine Vergewaltigung sein.

Ab wann fühlen Sie sich belästigt?

Sobald ich sexualisiert werde. Mit Blicken, Gesten, Wörtern.

Was tun Sie dann?

Ich rolle die Augen, mache pff, spucke auch mal aus. Oder zeige den Mittelfinger. Telefongespräch vortäuschen ist gut, dem imaginären Gesprächspartner mitteilen: „Da sitzt so’n Typ, der geht gar nicht. Der guckt mich die ganze Zeit so an.“

Das fällt schwerer, wenn es der Chef ist, der Professor, der Geschäftspartner.

Das macht keinen großen Unterschied. Es geht beim Sexismus immer um Macht.

Sie kleiden sich oft sexy. Wären weite Baggy Pants nicht besser?

Es gibt ein Wetter, und danach kleide ich mich. Hemd, Hose, Schlüppi, Schuhe. Für Frauen wird diese banale Frage zur politischen Entscheidung. Es gibt einen zusätzlichen Maßstab. Ein kurzer Rock oder offene Haare werden als Einladung gelesen. Dabei mag ich vielleicht einfach nur den Geruch von Shampoo.

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