Sicherheitskonferenz in München : Afrika wird wichtiger für die Weltsicherheit

Afrika stand zum Abschluss im Mittelpunkt der Sicherheitskonferenz in München. Der Terror und die Not treiben Millionen in die Flucht und sind Nährboden für Islamismus.

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20 Millionen Afrikaner sind auf der Flucht.
20 Millionen Afrikaner sind auf der Flucht.Foto: Carola Frentzen/dpa

Die Zahl macht deutlich, wie wichtig Afrika für die Welt und die Sicherheit werden kann: „Jedes Jahr sind mehr als 20 Millionen Migranten auf unserem Kontinent unterwegs“, sagte Smail Chergui als Vertreter der Afrikanischen Union am Sonntag morgen auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Was, wenn sie sich auch noch auf den Weg nach Europa machen, war die unausgesprochene Frage dahinter. Eine Vorstellung, die Europa wohl schaudern lässt, steht doch Deutschland gerade scheinbar jetzt schon mit einer Million Geflüchteten allein da. Die Konflikte in Afrika und der Golfregion sowie die Flüchtlingskrise standen zum Abschluss der Münchner Sicherheitskonferenz im Mittelpunkt.

Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan lenkte den Blick darauf, dass mindestens die nächsten zehn Jahre lang jedes Jahr elf Millionen junge Afrikaner auf den Arbeitsmarkt drängten. Die Staatsführer müssten die Jugend in den Mittelpunkt stellen, mahnte er. Was sonst passieren könnte, davon zeugen die vielen ungelösten Konflikte, die vielen zerfallenden Staaten. All das ist Nährboden für die perfiden Ideologien der Terrorgruppen wie Al Schabaab in Somalia, Boko Haram in Nigeria, aber auch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ und Al Qaida. Die große Zahl arbeitsloser junger Menschen ohne Zukunftsperspektive begünstige den Extremismus. Selbstbewusst wie mahnend sagte Chergui daher: „Es gibt keine Lösung der Probleme der Welt ohne Afrika." Dort zu Ergebnissen zu kommen könnte am Ende ähnlich schwierig werden wie im Nahen Osten, wenn die Welt den Kontinent und seine Führer sich selbst überlässt.

Der Saal blieb halbleer

Wie vielfältig Afrika ist und dass es dort nicht mit wenigen Kontakten getan sei, machte der Chef der Internationalen Crisis Group, Jean-Marie Guehenno, deutlich. In Afrika eine Lösung zu finden ist auch deshalb so anstrengend, weil es in der Regel nicht ausreicht, mit nur einem oder zwei Staaten zu verhandeln. Geht es doch um Länder von Libyen bis Somalia. Gerade keimen zudem gefährliche Konflikte in Burundi und der Demokratischen Republik Kongo auf. Guehenno warnte davor, aus den relativ guten Wachstumszahlen auf dem Kontinent zu schließen, Engagement von außen sei nicht mehr nötig. „Es ist ein Moment großen Risikos“, mahnte er, denn gerade dort, wo Wohlstand entstehe, erhöhe dies auch die Spannungen.

Auch wenn der Saal während der Diskussion halb leer war – am Rande der Konferenz war beispielsweise Libyens Zukunft auf höchster transatlantischer Ebene Thema. Auch für Deutschland hat das Thema mit Blick auf Terror und Flüchtlinge inzwischen hohe Priorität.

Der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan warnte davor, dass die große Zahl arbeitsloser junger Menschen ohne Zukunftsperspektive den Extremismus begünstige.
Der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan warnte davor, dass die große Zahl arbeitsloser junger Menschen...Foto: Sven Hoppe/dpa

Die Vertreter auf dem Podium traten selbstbewusst auf. Sie forderten, dass es bei der Zusammenarbeit auch um die Vorstellungen ihrer Länder gehen müsse, und nicht vor allem um die der Geldgeber, von denen sie sich bevormundet fühlen. Der Vertreter der Afrikanischen Union, Chergui, klagte: „Wir wollen nicht dauernd nur darüber verhandeln, wer letztlich bezahlen wird“ – auch wenn die Entwicklung ohne Geld aus internationalen Quellen nicht möglich sei, musste er einräumen.

Allerdings ließen sich die Afrikaner dazu verleiten, ihre Position etwas zu positiv zu zeichnen. Dass auch sie nicht alle einig sind, schien nur kurz auf. „Die Terrorgruppen sind gut organisiert, deshalb müssen wir als Welt uns auch gut organisieren“, rief der somalische Präsident. Er versucht, ein Land mit 70 Prozent jungen Menschen unter 35 aufzubauen, das die Welt vor allem mit den Terrormilizen der islamistischen Al Schabaab verbindet. Sein Staatsgebilde ist bisher vor allem lediglich ein Plan.
Äthiopiens Außenminister Tedros Adhanom Ghebreyesus, dessen Regierung nicht unumstritten ist, verwahrte sich gegen „Vorschriften“ von außen auf dem Weg zur Demokratie. Ein Staat könne nur „von innen heraus“ überleben.

Viele junge Menschen, viele alte Führer

Der marokkanische Diplomat Youssef Amrani, konstatierte, die Länder Afrikas müssten ihre Hausaufgaben machen, es dürfe keine Tabus geben. Die islamistischen Terroristen hätten „den Islam gekidnappt“. Er will sie jetzt im Internet mit den eigenen Mitteln schlagen – und mit einer offensiven modernen Interpretation des Islam über Imame. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau sei wichtig, verkündete er. „Der alte Islam war die Interpretation von Männern. Wir müssen den Mut haben, die Schulpläne zu überarbeiten.“ Das Thema kam manchem im Publikum viel zu kurz.

Wie es denn sein könne, dass Führer im Durchschnittsalter von 78 Jahren Länder führten, in denen das Durchschnittsalter bei 19 liege? Junge Männer und Frauen würden „unter dem Deckmantel der Stabilität“ an der Teilhabe gehindert, beklagte die ehemalige Oppositionsführerin des südafrikanischen Parlaments. „Wann hören wir auf, um den heißen Brei herumzureden und die an der Macht zu halten, die nicht mehr der Kontinent sind?“ fragte sie aufgebracht. Eben das war auch ein Problem der Diskutanten: Durchweg ältere Männer – moderiert vom ehemaligen nigerianischen Präsidenten Olusegun Obasanjo, ein freundlicher Herr von fast 80 Jahren.