Sicherheitskräfte fliehen aus Mossul : Al Qaida kontrolliert zweitgrößte Stadt des Irak

Nach fünf Tagen heftiger Kämpfe brachten schwer bewaffnete Al-Qaida-Krieger die nordirakische Millionenstadt Mossul unter ihre Kontrolle. Die Gewalt im gesamten Land hat wieder Ausmaße wieder ausmaße wie in den Bürgerkriegsjahren 2006 und 2007.

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Auf der Flucht: Viele Iraker versuchen, die umkämpfte Region Nineveh im Norden des Landes zu verlassen.
Auf der Flucht: Viele Iraker versuchen, die umkämpfte Region Nineveh im Norden des Landes zu verlassen.Foto: AFP

Polizeiwachen stehen in Flammen, die schwarzen Flaggen der Extremisten wehen über öffentlichen Gebäuden. Gouverneur Atheel al Nujaifi konnte sich in letzter Minute aus seinem Regierungssitz vor den Angreifern retten. In der ganzen Stadt ließen Polizisten ihre Fahrzeuge im Stich, warfen ihre Uniformen fort und suchten Hals über Kopf das Weite. Stattdessen rückten am Dienstag nach fünf Tagen heftiger Kämpfe hunderte schwer bewaffneter Al-Qaida-Gotteskrieger in Mossul ein und brachten die nordirakische Zwei-Millionen-Metropole unter ihre Kontrolle.

Alle Geschäfte waren geschlossen, Familien verbarrikadierten sich in ihren Wohnungen. Die Straßen glichen Geisteralleen. „Wir haben Mossul befreit und schießen nur auf Leute, die uns angreifen“, ließen die Kämpfer des „Islamischen Staates von Irak und Syrien (ISIS)“ durch Lautsprecherwagen ausrufen. Die Zentralregierung in Bagdad forderte das Parlament auf, den nationalen Notstand auszurufen. Unter dem Druck der Angreifer zog die Armee ihre Einheiten zunächst einmal ins Umland zurück. Nach Angaben irakischer Offiziere sind die Soldaten total zermürbt und demoralisiert. Verzweifelt beschwor der amtierende Ministerpräsident Nuri al Maliki die Bevölkerung über das Staatsfernsehen, die radikalen Eroberer auf eigene Faust zu bekämpfen.

500 00 Menschen geflohen

Sechs Wochen nach den Parlamentswahlen Ende April hat Iraks Führung nach Falludscha mit Mossul nun auch die Kontrolle über die zweitgrößte Stadt des Landes verloren. Das Drama um Falludscha hält den Westen des Zweistromlandes bereits seit sechs Monaten in Atem. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks haben sich mittlerweile 500 000 Menschen im kurdischen Teil des Irak oder im 100 Kilometer entfernten Bagdad in Sicherheit gebracht. In Falludschas Nachbarstadt Ramadi drangen Gotteskrieger in die Universität ein und nahmen Dutzende Studenten und Professoren als Geiseln.

„Wir haben die Kontrolle in Mossul verloren, die ganze Provinz Ninive ist den Militanten in die Hände gefallen“, erklärte Parlamentssprecher Osama al Nujaifi, der Bruder des geflohenen Gouverneurs. Er bat die US-Armee, in die Kämpfe einzugreifen und den irakischen Streitkräften zu helfen. „Das Ganze ist in jeder Hinsicht ein Desaster“, erklärte der sunnitische Politiker, der selber aus Mossul stammt. Nach seinen Angaben haben die Terroristen den Flughafen erobert, wo ihnen mehrere Kampfhubschrauber und schwere Waffen in die Hände fielen. Aus dem Zentralgefängnis ließen sie etwa 1400 Häftlinge frei. „Die Situation in der Stadt ist völlig chaotisch und niemand ist da, um uns zu helfen“, zitierte die BBC eine verzweifelte Angestellte der Verwaltung.

Immer mehr Gotteskrieger zieht es in die Region

Zwei Gründe sind für diese Eskalation verantwortlich. Der syrische Bürgerkrieg jenseits der Grenze zieht immer mehr Gotteskrieger aus der Region an, aber auch aus Europa und Amerika, die von einem eigenen sunnitischen Kalifat aus den Ostprovinzen Syriens und den Westprovinzen des Irak träumen. Zudem hegt die sunnitische Minderheit im Irak mittlerweile einen tiefen Groll gegen das autoritäre, von Schiiten dominierte Regime von Premierminister Maliki. Die unversöhnliche Haltung des autoritären Regierungschefs, der nach den Wahlen auf eine dritte Amtszeit hofft, hat erheblich zur Radikalisierung der sunnitischen Bevölkerung beigetragen. Und so erreicht die Gewalt im gesamten Land inzwischen wieder Ausmaße, wie zuvor nur in der Bürgerkriegsepoche der Jahre 2006 und 2007. Im vergangenen Jahr starben nach Angaben von „Iraq Body Count“ 9570 Menschen durch Anschläge und politisch motivierte Gewalt. In der ersten Hälfte des laufenden Jahres waren es bereits 5500.

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