Sind Muslime die neuen Juden? : Reden wir über Antisemitismus und Islamfeindlichkeit

Muslime werden in Deutschland diskriminiert, das dürfe man aber nicht mit der Judenverfolgung gleichsetzen, schreibt Layma Kaddor. Ein Debattenbeitrag.

Lamya Kaddor
Islamfeindlichkeit und Antisemitismus: Sind Muslime die neuen Juden?
Islamfeindlichkeit und Antisemitismus: Sind Muslime die neuen Juden?Foto: dpa

Armin Langer, Koordinator der Salaam-Schalom-Initiative in Neukölln und Rabbinerstudent in Berlin, hatte vor wenigen Tagen auf unserer Seite einen Gastkommentar veröffentlicht, in dem er beschrieben hat, dass nicht mehr Juden mit Benachteiligungen leben müssten, sondern Muslime. Jascha Nemtsov antwortete ihm deutlich: Die Muslime seien nicht die neuen Juden. Der Islam habe ein großes Problem mit Radikalismus. In ihrem Debattenbeitrag lässt Lamya Kaddor die Argumente von beiden Seiten nicht gelten.

"Was unseren Vätern der Jud, ist für uns die Moslembrut. Seid auf der Hut! 3. Weltkrieg - 8. Kreuzzig." So stand es 2009 hässlich in großen Lettern auf der Außenmauer der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen in Österreich. "Wie verbläst man eigentlich einen Türken waidgerecht? Da gibt es nichts zu verblasen, Jagdhornbläser verblasen jagdbares, erlegtes Wild, kein Ungeziefer!", so war es auf dem islamfeindlichen Hassportal Politically Incorrect zu lesen. Auf dieser Internetseite wird also mit der klassischen Stilfigur der Tiermetapher gearbeitet, die auch das nationalsozialistische Hetzblatt "Der Stürmer" einst benutzt hat.

Aber sind wir Muslime deshalb, die neuen Juden Europas. „Neeiiiiin!“, möchte man all jenen entgegen schreien, die das behaupten. In keiner Weise! Nur sind einige der Argumente, die gegen diese These ins Feld geführt werden, fast genauso ärgerlich.

Die Kleine Kunde des Vorurteils

Das wohl populärste dieser Argumente geht so: Antisemitismus basiere auf einem rein irrationalen Konstrukt von Vorurteilen gegenüber Juden. Im Gegensatz dazu liefere der Islam aber durchaus reale Gründe. Man denke an die Gräueltaten der Terrororganisation "Islamischer Staat", an diverse Anschlagpläne, an Salafismus, Ehrenmorde etc. Wer so argumentiert, hat von Vorurteilen und ihrer Entstehung nicht die geringste Ahnung. Wer so argumentiert, der müsste auch in das Klischee vom Reichtum der Juden einwilligen. Schließlich ist es ja durchaus real, dass an der Spitze von Bankinstituten Menschen mit jüdischer Glaubenszugehörigkeit sitzen wie die Familie Rothschild oder Alan Greenspan, der ehemalige Chef der US-Notenbank Fed.

Diese Argumentation ist aber völliger Unsinn. Juden war es während der langen Zeit ihrer Ausgrenzung und Verfolgung über Jahrhunderte untersagt, in das damals ehrwürdige und beherrschende Handwerk einzutreten. Sie sollten nicht Bäcker, Schreiner oder Schmied werden. Sie konnten verarmen oder durften sich dem verruchten Business des Geldverleihens widmen, mit dem die ehrwürdigen Bürger nichts zu tun haben wollten. Lapidar könnte man sagen: Dumm gelaufen! Konnte ja keiner ahnen, dass das Handwerk im 20. Jahrhundert plötzlich nicht mehr über Macht, Reichtum und Einfluss bestimmt.

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