Sinti und Roma : "Gestatten, das sind wir" - eine Woche lang Roma-Kultur

Am 8. April, dem internationalen Tag der Roma, haben deren Vertreter und die offizielle Politik auf die anhaltende Diskriminierung und Gewalt gegen Europas größte Minderheit aufmerksam gemacht.

von
Gelebte Integration. Roma-Straßenfest im Wedding.
Gelebte Integration. Roma-Straßenfest im Wedding.Foto: dpa

In Berlin wollen Sinti und Roma in dieser Woche zugleich ein Ausrufezeichen gegen das verbreitete Bild setzen: An sieben Tagen unter dem Titel „Gestatten, das sind wir“ bringen sie bis zum kommenden Sonntag ihre Kultur und sich selbst an die Öffentlichkeit

Die Kulturwoche ist zugleich der große öffentliche Aufschlag der Hildegard-Lagrenne-Stiftung, die sich Bildung und volle Teilhabe der Minderheit zum Ziel gesetzt hat. Die vor anderthalb Jahren gegründete und seit dem 1. Februar selbstständig gewordene Stiftung ist nach eigenen Angaben die erste überhaupt, die von und für Mitglieder der Minderheit aus eigenen Mitteln gegründet wurde – zum Vorstand gehört unter anderem Jane Schuch, Erziehungswissenschaftlerin der Humboldt-Universität und Sintezza. Sie soll Sinti und Roma nach den Worten ihres Geschäftsführers Romeo Franz anschlussfähig machen für bestehende politische und gesellschaftliche Einrichtungen: Auch die seien in der Vergangenheit ihren Vorurteilen erlegen, „Projekte scheiterten, weil Fachkompetenz fehlte“, sagte Franz. „Nun gibt es die Möglichkeit, mit uns zusammenzuarbeiten.“

Wie wenig die Minderheit, die seit etwa 600 Jahren in Deutschland ansässig ist, noch immer akzeptiert sei, lasse sich an ihren Problemen auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt und dem Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung nachweisen. So sind oder waren zehn Prozent der jungen Sinti und Roma zwischen 14 bis 25 Jahren nicht einmal in der Grundschule. Dasselbe gilt für 40 Prozent der über 51-Jährigen – Ergebnis des „Bildungsbruchs“ im Nationalsozialismus, so Franz, aber auch des unverminderten Weiterlebens von Antiziganismus, der gegen „Zigeuner“ gerichteten Vorurteile, die vielen Studien zufolge die stärksten überhaupt gegen eine Minderheit sind. Eine repräsentative Befragung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ergab kürzlich – daran erinnerte am Montag Daniel Strauß, Vorsitzender des Landesverbands Baden-Württemberg, dass mehr als 80 Prozent glauben, man müsse den „Missbrauch von Sozialleistungen“ durch Sinti und Roma abstellen, 22 Prozent sind für Abschiebung und immer noch 14 Prozent dafür, sie in Ghettos unterzubringen. „Hier werden die Handlungsoptionen sehr deutlich“, sagte Strauß.  

22 Prozent der Deutschen sind für eine Abschiebung der Roma

Es gibt sie auf auf europäischer Ebene: Wie Amnesty international zum Roma-Tag am Dienstag bekannt gab, ist das Risiko der zehn bis zwölf Millionen europäischen Sinti und Roma in Europa hoch, Opfer rassistisch motivierter Gewalt zu werden. In Tschechien, Frankreich und Griechenland nehme sie zu. Pro Asyl appellierte an die Bundesregierung, Roma, die aufgrund „existenzbedrohender Ausgrenzung“ nach Deutschland fliehen, großzügiger Asyl zu gewähren. Martin Salm von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft wies darauf hin, dass auch am Roma-Tag wieder ein Charterflug von Hannover nach Skopje gehe, mit dem mehr als 100 Menschen abgeschoben würden, deren Kinder zum größten Teil nur deutsch sprächen. 1990 habe die erste freigewählte Volkskammer ausdrücklich Juden eingeladen, nach Deutschland zu kommen – was der Bundestag dann übernahm. Die Roma, auch sie Opfer der NS-Vernichtung, „hat noch niemand eingeladen.“ 

Vorerst laden die Roma die Mehrheitsgesellschaft ein. Der Grüne Menschenrechtsexperte Tom Koenigs und die Schirmherrin der Roma-Kulturwoche, Koenigs’ Kollegin und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth lobten den Titel der Veranstaltung: „Gestatten, das sind wir“ – so stelle man sich auf zivilisierte Weise vor, so Koenigs. Und darauf könne es nur eine zivilisierte Antwort gebe: „Wir freuen uns.“ Wer die Einladung annehme, werde überrascht sein, wie viel kultureller Vielfalt er begegnen werde. Und vielleicht auch selbst Bildungslücken füllen, vermutete Daniel Strauß: „Wer weiß schon, das Charlie Chaplin und Picasso Roma waren? Und wer weiß, dass die Anna Netrebko von Roma abstammt?“

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar