Soldaten-Ausbildung für den Cyberwar : Im Schützengraben der IT-Krieger

Deutschland bildet Soldaten für Operationen im Cyberkrieg aus. 2016 soll die Truppe einsatzbereit sein, der Spezialeinheit fehlen eigentlich nur noch passende Fahrzeuge. Ein Besuch in der Kaserne.

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Der gekonnte Umgang mit Technik wird für die Soldaten-Ausbildung immer wichtiger. Die Bundeswehr bildet Soldaten nun auch für den Cyberkrieg aus, die 2016 einssatzbereit sein sollen.
Der gekonnte Umgang mit Technik wird für die Soldaten-Ausbildung immer wichtiger. Die Bundeswehr bildet Soldaten nun auch für den...Foto: dpa

Es ist eine kalte, nüchterne Welt, die die Kämpfer der Zukunft umgibt. Ein unscheinbarer Flachbau in der Tomburg-Kaserne mitten im Grünen beherbergt jene Zentrale, von der aus die Bundeswehr den Kriegsschauplatz der nahen Zukunft kontrollieren will: den Cyberspace. Die Kämpfer: knapp 60 zivile und militärische IT-Spezialisten, die mit technischem Know-how den Gegner schädigen oder ausschalten sollen. Für sie hat die Bundeswehr in den gut gekühlten Kellerräumen des Gebäudes eine Art Labor für den Cyberkrieg eingerichtet. Die Front gleicht einem Klassenzimmer: Von der Decke führen viele Meter Kabel in gut drei Dutzend Rechner, die auf vier Tischreihen nebeneinander aufgebaut sind. Sie sind Teil einer virtuellen IT-Anlage, die bis zu 100 Rechner umfasst. Über einen Beamer am Kopf des Raumes können alle verfolgen, was sich auf den Bildschirmen einzelner Rechner tut.

Noch ist das, was hier passiert, eine Übung, noch haben die deutschen Streitkräfte keinen Feind über das Internet bekämpft, doch schon bald könnte es so weit sein. Seit 2007 bildet die Bundeswehr im beschaulichen Rheinbach bei Bonn die Spezialtruppe Computernetzwerkoperationen (CNO) für den Kampf im Internet aus – 2016 sollen die Cyberkrieger einsatzbereit sein. Und ihre Aufgabe ist nicht die Abwehr von Angriffen. Die IT-Spezialeinheit soll „in gegnerischen Netzen wirken“, wie es in einem Papier des Verteidigungsministeriums heißt, das Mitte vergangenen Jahres dem Verteidigungsausschuss des Bundestags präsentiert wurde und das dem Tagesspiegel vorliegt. Anders gesagt: Die Bundeswehr soll im Cyberspace auch angreifen können.

Durch die Laborsituation vermeidet die Bundeswehr Angriffe von außen; zudem können die IT-Spezialisten in dieser Umgebung nach Lust und Laune experimentieren, ohne tatsächlichen Schaden anzurichten. Der kann, wie zwei Offiziere der Einheit Anfang Mai vor Journalisten demonstrierten, erheblich sein. Einen Rechner mit Internet, dazu ein paar offen im Netz zugängliche Werkzeuge wie Suchmaschinen, Sicherheit im Umgang mit Rechnerbefehlen und ein wenig Geduld – viel mehr brauchen die Soldaten nicht, um via Internet in das Netzwerk eines fiktiven Gegners einzudringen. Der verfügt, wie es in der Realität oft der Fall ist, über eine Homepage. Für die CNO-Soldaten ist der Internetauftritt der erste Ansatzpunkt für einen Cyberangriff: Viele Seiten im Netz arbeiten mit interaktiven Elementen, die Daten senden und empfangen. Im vorgeführten Übungsfall enthält die gegnerische Homepage eine Statistiksoftware; das Eintrittstor für die Attacke der Bundeswehr.

Obwohl der Feind seine Infrastruktur durch verschiedene Abwehrmechanismen geschützt hat, dauert es weniger als eine Stunde, bis sich die deutschen Offiziere ins gegnerische System eingeloggt haben und seine wichtigste Waffe – die Luftabwehr – ausgeschaltet haben. Wenngleich die Soldaten dabei Kennwörter und Benutzernamen ausspioniert, DNS-Adressen ausgelesen, Firewalls „getunnelt“ und Verschlüsselungen geknackt haben: Von „Hacking“ will bei der Bundeswehr keiner reden. Für die CNO-Führungsebene ist der Cyberangriff ein „militärisches Wirkmittel“ unter vielen.

Im Prinzip steht dieses „Wirkmittel“ der Bundeswehr schon jetzt zur Verfügung. Woran es bisher aber mangelt, ist der physische Schutz für die IT-Spezialisten. Sie sollen nämlich nicht nur von der Zentrale in Rheinbach aus operieren, sondern wenn nötig auch mit ihren Kollegen in den Auslandseinsatz ziehen. Dafür sollen den Soldaten künftig vier gepanzerte Fahrzeuge mit CNO-Ausstattung – Führungsinformationssystem, Rechner und W-Lan-Antenne – zur Verfügung stehen.

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