Sorge vor Atomunfall : Belgien verteilt Jodtabletten - Aachen will sie auch

Belgien verteilt Jodtabletten für den Fall eines Atomunfalls an alle Einwohner. Gleichzeitig weigert sich das Land hartnäckig, die umstrittenen AKWs, die Materialfehler haben, vom Netz zu nehmen.

Umstritten. Das Atomkraftwerk Tihange bei Huy in Belgien.
Umstritten. Das Atomkraftwerk Tihange bei Huy in Belgien.Foto: dpa

Belgien rüstet sich für einen Atomunfall mit der kostenlosen Verteilung von Jodtabletten an alle seine rund elf Millionen Einwohner. Dadurch sollten gesundheitliche Schäden im Falle eines Atomunfalls vermieden werden, erklärte das belgische Gesundheitsministerium am Donnerstag. Die Jodtabletten sollen die Schilddrüse vor radioaktiver Verstrahlung schützen. Greenpeace kritisierte, die Maßnahme könne mitnichten vor einem Atomunfall schützen.

Bislang hatte der belgische Staat Jodtabletten nur an diejenigen Bürger kostenlos verteilt, die in einem Umkreis von 20 Kilometern um atomare Einrichtungen wohnen. Betroffen davon waren Anwohner der beiden belgischen Atomkraftwerke Tihange und Doel, der nationalen Nuklearforschungszentren in Fleurs im Süden und Mol im Norden des Landes sowie der grenznah gelegenen Akw Chooz in Frankreich und Borssele in den Niederlanden.

Die belgische Regierung setzt mit dem Beschluss eine Empfehlung des belgischen Gesundheitrats um. Dieser hatte eine Verteilung von Jodtabletten an alle Menschen empfohlen, die in einem Umkreis von hundert Kilometern um eine atomare Einrichtung wohnen. Wegen der Verteilung der Anlagen auf dem gesamten belgischen Staatsgebiet und der geringen Gesamtfläche des Landes werden jetzt alle Bewohner Belgiens Jodtabletten erhalten.

Priorität hätten die empfindlichsten Gruppen wie Kinder, Jugendliche, Schwangere und stillende Frauen, hieß es in einer Antwort der Gesundheitsministerin Maggie de Block auf eine parlamentarische Anfrage. Ziel sei es, bis 2017 eine aktualisierte Strategie zu haben.

Die belgischen Grünen, im Parlament in der Opposition, begrüßten diese Entscheidung. Allerdings müsse auch klar sein, dass ein Verteilen von Jodtabletten nicht bedeute, dass damit die Gefahren von atomaren Anlagen gebannt seien, sagte Grünen-Chef Jean-Marc Nollet.

Greenpeace nennt Maßnahme absurd

Die Umweltorganisation Greenpeace nannte die Maßnahme hingegen "absurd". "Jodtabletten schützen etwa so gut vor einem Reaktorunfall wie ein Cocktailschirmchen vor einem Wolkenbruch", erklärte der Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital. Die Entscheidung der belgischen Regierung unterstreiche erneut, "wie ernst auch die Nachbarländer die Gefahr durch marode belgische Atommeiler nehmen müssen". Das einzig wirklich wirksame Mittel gegen Nuklearunfälle sei der Atomaussteig, erklärte Greenpeace.

Die Sicherheit der belgischen Atomkraftwerke wird seit Jahren angezweifelt. Erst vergangene Woche hatten Deutschland und Luxemburg Belgien dazu aufgefordert, die Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 vom Netz zu nehmen.

Bei beiden waren unter anderem Materialfehler in den Reaktordruckbehältern festgestellt worden. Das Atomkraftwerk Tihange liegt rund 60 Kilometer von der deutschen Grenze bei Aachen entfernt, Doel liegt 130 Kilometer von der Bundesrepublik entfernt im Norden Belgiens.

Belgien wies eine vorläufige Stilllegung der beiden Reaktoren zurück und versicherte, dass die belgischen Atomkraftwerke den "höchsten Sicherheitsanforderungen" entsprächen.

NRW-Innenminister Jäger hält nichts von Verteilung

Nach der Ankündigung Belgiens wird dies auch in der Region Aachen gefordert. Städteregionsrat Helmut Etschenberg will den Innenminister Nordrhein-Westfalens, Ralf Jäger (SPD), bitten, der Verteilung der bereits eingelagerten Tabletten an alle bis 45 Jahre alten Einwohner zuzustimmen.

Etschenberg betonte, die belgische Entscheidung bestätige die Sorgen im Raum Aachen. „Offensichtlich gibt es nun auch auf belgischer Seite erhebliche Vorbehalte, was die Sicherheit der Kraftwerksblöcke betrifft.“

Jäger hält allerdings nichts von einer Vorabverteilung von Jod-Tabletten. Im Ernstfall wüssten die Menschen möglicherweise nicht, wo die Tabletten seien. Zudem müssten sie zu einem bestimmten Zeitpunkt eingenommen werden, um zu wirken, sagte der Innenminister der Deutschen Presse-Agentur.

Nach dem Willen des belgischen Gesundheitsministeriums soll die Jodvorsorge ausgeweitet werden. Betroffen seien dann alle Bürger in einem Umkreis von 100 Kilometern um ein Atomkraftwerk, sagte eine Sprecherin der Behörde der Deutschen Presse-Agentur in Brüssel und bestätigte einen Bericht der Tageszeitung „La Libre Belgique.“ Die Folgen der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima hätten gezeigt, dass ein größerer Bereich nötig sein, um die Bevölkerung besser zu schützen, sagte die Sprecherin.

Radioaktiv verseuchtes Jod kann durch Einatmen, Lebensmittel oder Wasser in den Körper gelangen. Setzen sich Kernspaltungsprodukte in der Schilddrüse fest, können sie schwere Krankheiten wie Krebs auslösen. Werden Jod-Tabletten frühzeitig eingenommen, können sie die Aufnahme radioaktiven Jods blockieren. (AFP/dpa)

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