Soziales Engagement : Der deutsche Verein steckt in der Krise

Die Mitgliederschaft ist oft überaltert, das freiwillige Engagement lässt nach, der ökonomische Druck wächst. Eine Studie zeigt, dass die Vereine in Deutschland vor großen Problemen stehen.

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Zu viele Oldtimer. Nicht nur in Museen (die oft von Vereinen getragen werden), sondern in den Vereinen selbst.
Zu viele Oldtimer. Nicht nur in Museen (die oft von Vereinen getragen werden), sondern in den Vereinen selbst.Foto: dpa

Es ist ein Kürzel, das die meisten Deutschen kennen: e. V. Denn zumindest in einem Verein sind die meisten. Fast 600 000 Organisationen haben diese Rechtsform – über die üblichen Sport- und Freizeitvereine hinaus reicht sie tief in den Sozial- und Bildungssektor hinein. Aber im deutschen Vereinsleben scheint der Wurm zu stecken. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Studie von Wissenschaftlern am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). „Vereine an den Grenzen der Belastbarkeit“ haben sie als Fazit darübergeschrieben. Eckhard Priller, Leiter der Studie, hat vor allem drei Entwicklungen ausgemacht, die Probleme bereiten: die Überalterung der aktiven Mitgliederschaft, der einsetzende Mangel an Ehrenamtlichen für Leitungsaufgaben und eine zunehmende Ökonomisierung, einhergehend mit finanziellen Schwierigkeiten.

Dass Vereine zunehmend aus alten Leuten bestehen, ist demnach ein verbreitetes Phänomen über alle Bereiche des Vereinslebens hinweg. In jedem zweiten Verein ist nach der Untersuchung die jüngere Generation unterrepräsentiert. Und das liegt nicht allein an der demografischen Entwicklung. „Es besteht die Gefahr der Abschottung von Vereinen gegenüber Jüngeren durch Überalterung“, sagt Priller. Viele Vereine verstünden es nicht, jüngere Leute adäquat anzusprechen. „Und wenn die Jugend einmal fehlt, dann ist es auch schwer, sie wiederzubekommen.“ In einem Drittel der Vereine fehlen Jüngere unter 30 Jahren in den ehrenamtlichen Leitungsfunktionen völlig.

Es liegt freilich nicht nur an mehr oder weniger abschreckenden Alten in den Vereinen. Die Gesellschaft hat sich gewandelt. Bei Jugendlichen etwa spielt laut Priller die Ganztagsschule eine Rolle dabei, dass weniger Zeit für Vereinsengagement vorhanden ist; bei Studenten sind es die gedrängteren Lehrpläne der Bachelor-Studiengänge. Und bei jungen Berufstätigen spricht bisweilen die größere Flexibilität und Mobilität in Zeiten befristeter Arbeitsverträge gegen ein dauerhaftes Vereinsengagement. Dass die Vernetzung über Social Media als neue Form der Kontaktpflege eine Rolle spielt, ist möglicherweise nicht auszuschließen. Priller hat aber keine Anhaltspunkte, dass dies ein ausschlaggebender Punkt für die Überalterung ist.

Bei Vereinen, in denen es um Gesundheit, Soziales und Bildung geht, die also vor allem dienstleistungsorientiert sind, beobachten die WZB-Forscher eine immer stärkere Ökonomisierung. Etwa die Hälfte dieser Vereine beklagt einen wachsenden Wettbewerbsdruck – beim Bemühen um öffentliche Mittel und um „Kunden“ für ihre Angebote. Der Staat verteilt seine Mittel zielgenauer und formuliert dabei mehr Ansprüche, dazu kommen immer mehr Vorschriften etwa bei der Qualitätssicherung.

Das wiederum führt zu einer stärkeren Professionalisierung in den Vereinen, die zudem immer mehr betriebswirtschaftliche Verfahren nutzen müssen, um den Anforderungen gerecht zu werden. Kein Wunder also, dass mittlerweile 53 Prozent der fast 2000 Vereine, welche sich an der Studie beteiligen, hauptamtliche Mitarbeiter haben – häufig aber in Teilzeit oder in Minijobs.

Jeder zweite Verein sieht eine zu starke Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln – was wohl auch als Problem erachtet wird, weil diese Zuschüsse tendenziell zurückgehen. Mitgliederbeiträge, Spenden und Sponsoring können die entstehenden Lücken meist nicht füllen.

Im Schwinden ist offenbar die Bereitschaft, ohne größere Bezahlung ehrenamtlich leitende Aufgaben zu übernehmen. „Hier deutet sich eine Krise des Ehrenamtes an“, sagt Priller. Oft würden solche Posten in Vereinen nur noch besetzt, weil „es einer eben machen müsse“. Dabei spielt wohl auch das Fehlen von Jüngeren eine Rolle. Entsprechend beobachtet der WZB-Wissenschaftler, dass in manchen Regionen die Zahl der Vereine sogar zurückgeht.

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