Politik : Spannungsfeld Mittelmeer

Große Gasvorkommen bringen neuen Streit zwischen der Türkei und Zypern

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Das östliche Mittelmeer entwickelt sich zu einer neuen Krisenregion. Vor zwei Wochen kündigte die Türkei im Streit mit Israel eine verstärkte Präsenz ihrer Marine an und erklärte, Schiffskonvois mit Hilfsgütern für den Gaza-Streifen würden künftig von türkischen Kriegsschiffen gegen mögliche israelische Angriffe geschützt. Jetzt drohen die Türken auch in einem Streit mit Zypern um Gasvorkommen mit ihrer Marine. Mehrere türkische Kriegsschiffe befänden sich in der Region, sagte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der vom „Wahnsinn“ der Zyprer sprach. Insgesamt sollen acht türkische Fregatten eingesetzt werden. Auch die Israelis halten angeblich Marineverbände bereit.

Riesige Energievorräte und Streit um Geld, Macht und Reichtum sind die Auslöser der neuen Spannungen. Die Regierung der international anerkannten Republik Zypern im griechischen Sektor der geteilten Insel hat mit Probebohrungen zur Erforschung vermuteter Gasvorräte unter dem Mittelmeer begonnen. Das Gasfeld „Block 12“ südlich von Zypern soll bis zu 280 Milliarden Kubikmeter Gas enthalten. Es liegt in unmitttelbarer Nähe des noch größeren israelischen Leviathan-Gasfeldes. Zum Ärger der Türkei hatten Zypern und Israel im vergangenen Jahr ein Abkommen zur Festlegung ihrer Seegrenzen geschlossen, um Streit bei der Verteilung der Reichtümer auszuschließen. Beide Länder hoffen nun auf hohe Einnahmen durch das Gas – und darauf, die wertvolle Ressource an der Türkei vorbei nach Europa zu schicken. Dies wäre ein Rückschlag für das Ziel der Türkei, ein Verteilungsknoten für die Energieversorgung des Westens zu werden.

Der ungelöste Zypern-Konflikt verleiht der Lage eine weitere gefährliche Dimension. Die Türkei sieht in den zyprischen Probebohrungen eine Provokation, weil nur der griechische Inselsektor von dem erwarteten Geldsegen profitieren würde, nicht aber der türkische. Den Anspruch, eine Aufsichtsfunktion in dieser Angelegenheit zu erfüllen, leitet die Türkei von ihrem Status als Garantiemacht für Zypern aus dem Jahr 1960 ab. Heute versteht die Türkei dies vor allem als Auftrag, für den international nicht anerkannten türkischen Inselsektor einzutreten. Die griechischen Zyprer argumentieren dagegen, der türkische Inselteil sei ein illegaler Staat, der keinerlei Rechte habe, die verletzt werden könnten.

Bisher scheint die Eskalation nicht aufzuhalten zu sein. Dervis Eroglu, der Chef der türkischen Zyprer, bat den griechisch-zyprischen Präsidenten Dimitris Christofias nach eigenen Angaben wegen der derzeitigen Gespräche über eine Wiedervereinigung der Insel, mit den Bohrungen bis Ende Oktober zu warten. Dann wollen Türken und Griechen auf Zypern zusammen mit der UNO versuchen, einen Durchbruch bei den Friedensgesprächen zu erzielen. Auch die EU habe Christofias gebeten, die Bohrungen aufzuschieben. Doch die griechischen Zyprer hätten partout nicht warten wollen, erklärte Eroglu. Auch die USA konnten den Konflikt zwischen der Türkei und Zypern bisher nicht entschärfen. Erdogan sagte in der Nacht zum Mittwoch nach einem Gespräch mit US-Präsident Barack Obama am Rande der UN-Vollversammlung in New York, den Zyprern gehe es offenbar auch darum, die Annäherung zwischen der Türkei und Griechenland zu sabotieren. Schließlich stehe eine Sitzung eines kürzlich geschaffenen türkisch-griechischen Gremiums für die strategische Zusammenarbeit an.

Erdogan kündigte nun an, dass die Türkei ihrerseits mit seismischen Untersuchungen des Meeresbodens nahe des türkischen Teils von Zypern beginne. Reine Politik, denn in dem Gebiet gibt es kein Gas. Demonstrativ lässt Erdogan die Forschungsschiffe von Fregatten begleiten. Die türkische Luftwaffe soll die zyprischen Bohrungen beobachten, zudem ist Presseberichten zufolge der Einsatz von U-Booten geplant. Die Türkei werde mit Blick auf die zyprischen Aktivitäten „jede Art von Vorkehrungen“ treffen, sagte Erdogan. Im östlichen Mittelmeer beginnt ein heißer Herbst.

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