• Stärke und Präsenz gegen Fremdenfeindlichkeit: Ostdeutschland als Heimat für Flüchtlinge

Stärke und Präsenz gegen Fremdenfeindlichkeit : Ostdeutschland als Heimat für Flüchtlinge

Flüchtlinge strömen, Europa wankt, die Geschichte ist im Fluss. Warum also nicht einmal über alle Grenzen hinausdenken? Im dünn besiedelten Osten Deutschlands könnten doch ein paar hunderttausend Menschen eine neue Heimat finden. Ein Kommentar.

Peter von Becker

Im starren Blick auf all den Horror dieser Tage – Syrien, IS, Ukraine, Gaza, Ebola – ist eine gute Meldung kürzlich fast untergegangen. Die Nachricht nämlich, dass Herr Sigeo Alesana und seine Frau sowie ihre beiden Kinder im Alter von drei und fünf Jahren dauerhaft Asyl in Neuseeland erhalten haben. Die Familie Alesana stammt vom pazifischen Inselstaat Tuvalu. Dort, zwischen Australien und Hawaii, wären sie auch gerne geblieben, aber in Folge des Klimawandels droht ihre Heimat wegen des ansteigenden Meeresspiegels zu versinken.

Die Alesanas gelten jetzt als die ersten anerkannten Klimaflüchtlinge der Welt. Normalerweise erhält Asyl (wenn überhaupt) nur der, der aus politischen Gründen verfolgt wird. So steht es auch bei uns im Grundgesetz. Was aber ist heute schon normal – und was nicht irgendwie auch politisch? Ein Politikum jedenfalls ist der Klimawandel beziehungsweise der mangelnde Klimaschutz.

Bis zum Jahr 2050 könnte es bis zu 200 Millionen Klimaflüchtlinge weltweit geben

Neuseelands Behörden haben zwar gleich betont, dass das Aufenthaltsrecht der Familie Alesana für sie keinen Präzedenzfall bedeute. Aber natürlich ist es einer. Und er gleicht dem ersten Wassertropfen einer globalen Flut. Nicht nur die in Genf ansässige Internationale Organisation für Migration, der über 150 Staaten angehören, sondern auch die Bundesregierung rechnet bis zum Jahr 2050 mit bis zu 200 Millionen Klimaflüchtlingen weltweit. Die Erderwärmung lässt in Afrika Wüsten und Dürregebiete wachsen, und vermehrte Überschwemmungen und Monsterstürme könnten asiatische Staaten wie Bangladesch oder die Philippinen zerstören.
Diskutiert werden darum bereits völkerrechtliche Modelle für Kompensationszahlungen der für die klimagefährdenden Treibhausgase verantwortlichen hochindustriellen Staaten. Geldflüsse kann man sich erst mal leichter vorstellen als weitere Völkerwanderungen.

Denn schon mit den aktuellen Flüchtlingszahlen wirkt der vergleichsweise reiche Kontinent Europa überfordert. Das Mittelmeer ist längst zum Toten Meer geworden. Und wer es aus den Krisenregionen des Nahen Ostens oder aus Afrika als Überlebender bis an die Küsten Griechenlands, Italiens oder Spaniens geschafft hat, den empfangen in seiner Not keine offenen Arme.

Selbst in Ländern wie Deutschland, wo es nicht 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit gibt und wo ein vor zwanzig Jahren stark eingeschränktes Asylrecht die meisten Flüchtlinge von den eigenen Grenzen fernhält, selbst bei uns wird Wahlkampf mit dem Gespenst einer statistisch kaum nachweisbaren und als Vorwurf moralisch bis ins Mark peinlichen „Armutseinwanderung“ betrieben.

Ganz neue Handwerksbetriebe, lokale oder regionale Märkte würden entstehen

Im Grunde jedoch weiß jeder: Politische und soziale Gründe sind in dieser Welt immer weniger zu trennen, und es braucht eine völlig neue internationale, also auch europäische Flüchtlingspolitik. Berlin, das durch die sehr berechtigten Proteste von Asylbewerbern aus ganz Deutschland auch hierin seine Hauptstadtfunktion erfährt, versäumt es trotzdem, wenigstens national in Fragen der Residenzpflicht, der Arbeitsgenehmigung für Flüchtlinge oder der Betreuung und Bildung von Flüchtlingskindern im Bundesrat mit Gesetzesinitiativen richtig Druck zu machen.

Im Bundestag wird Navid Kermani, der diese neue Flüchtlingspolitik anmahnt, als Festredner beklatscht, Raed Saleh, der Berliner Bürgermeisterkandidat, stößt jetzt im „Spiegel“ ins selbe Horn (als hätte der Fraktionschef der Regierungspartei nicht früher darauf kommen können). Aber passiert ist nichts.

Passieren wird etwas. Die Festung Europa wankt, die Geschichte ist überall im Sturzfluss. Warum also nicht mal über alle Grenzen hinausdenken? Und bitte halten Sie, bevor Sie jetzt gleich losmailen und mir naive Traumtänzerei bescheinigen, nur einen Augenblick inne.

Was wäre eigentlich, wenn in den schönen, dünn besiedelten Weiten beispielsweise von Brandenburg oder Meckpomm, wenn in so schön restaurierten, jedoch aussterbenden Städten wie Luthers Wittenberg oder Barlachs Güstrow sich ein paar hunderttausend neuer Menschen ansiedelten? Wenn vertriebene afrikanische Bauern dort ihr Vieh weiden und Gemüse pflanzen würden und ganz neue Handwerksbetriebe, lokale oder regionale Märkte entstünden?

Wenn da wieder viel mehr Leben wäre und sich das Problem der (Phantom-)Fremdenfeindlichkeit durch Stärke und Präsenz der neuen deutschen Weltbürger von selbst erledigen würde. Und ein Bundestrainer Sami Khedira hätte dann neben den jungen Özils und Boatengs noch ein paar mehr Bellarabis und Kalous zur Auswahl.

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