Stasi-Vorwürfe : Günter Wallraff: Konspiratives Treffen mit Stasi-Mitarbeiter?

07.09.2010 17:50 UhrVon Stephanie Kirchner
Kontakte zur Stasi: Günter Wallraff sieht sich mit neuen Vorwürfen konfrontiert. Foto: dpa
Kontakte zur Stasi: Günter Wallraff sieht sich mit neuen Vorwürfen konfrontiert. - Foto: dpa

Erstmals ausgewertete Geheimdienstakten werfen eine neues Licht auf Günter Wallraffs Stasi-Kontakte. Wallraffs Anwalt bestreitet jedoch weiter, dass es ein konspiratives Treffen gegeben habe.

Nach einem Bericht des Fernsehsenders ZDF gibt es neue Erkenntnisse über ein Treffen des Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff mit einem mutmaßlichen Stasi-Mitarbeiter, das 1971 in Kopenhagen stattfand.

Die neuen Informationen stammen aus Akten des dänischen Geheimdienstes, die Wissenschaftlern der Süddänischen Universität in Odense erstmals zugänglich gemacht wurden. Laut ZDF geht aus den Akten hervor, dass das Treffen Wallraffs mit dem Rostocker Journalisten Heinz Gundlach, der bei der Stasi als "IM Friedhelm" bekannt war, unter vier Augen stattfand. Wallraff hatte beteuert, dass noch zwei weitere Personen anwesend gewesen seien.

Dies trug er im Laufe eines Gerichtsverfahrens gegen den Springer-Verlag vor, in dem er sich dagegen gewehrt hatte, als "Stasi-IM" bezeichnet zu werden. Zwar war Wallraff bei der Stasi als "IM Wagner" registriert, es konnte jedoch nicht nachgewiesen werden, dass er "wissentlich und willentlich" mit der Stasi zusammengearbeitet hätte, so die Begründung des Hanseatischen Oberlandesgerichts, das ihm 2006 Recht gab. Der Journalist und Buchautor räumte jedoch ein, sein Umgang mit der Stasi sei "naiv und leichtfertig" gewesen.

Gundlach war auf seiner Rückreise von Kopenhagen nach Rostock in Hamburg vom BKA festgenommen worden, da er mit falschen Ausweispapieren unterwegs war. Die Polizei fand bei ihm einen an Wallraff adressierten Brief, in dem ein Student anbot, Kontakt zu einem Informanten aus dem Umfeld Helmut Schmidts, dem damaligen Verteidigungsminister, herzustellen.

Für Helmuth Jipp, dem Rechtsanwalt Wallraffs, ändern die an die Öffentlichkeit gelangten Geheimdienstinformationen nichts an der Sachlage: "Ein konspirativer Charakter des Treffens konnte nicht bewiesen werden", sagte er Tagesspiegel.de. Günter Wallraff sei sich nicht bewusst gewesen, dass es sich bei Gundlach, der Kulturredakteur bei der Ostsee-Zeitung gewesen sei, um einen Stasi-Mitarbeiter gehandelt habe. Vielmehr sei es "ein Treffen unter Journalisten" gewesen. Wallraff habe sich außerdem erhofft, Kontakte zur ostdeutschen Theaterszene zu knüpfen. Auch an der Erinnerung, dass bei dem Gespräch vor rund vierzig Jahren seine damalige Freundin und sein dänischer Verleger anwesend gewesen sei, hielte Wallraff fest. Die Richtigkeit von Geheimdienstinformationen zweifelt Jipp generell an. Zudem ließe sich aus dem bei Gundlach gefundenen Brief nicht auf eine Stasi-Verbindung Wallraffs schließen. Der Verdacht basiere allein auf einem Nachsatz des Briefes, den der Rechtsanwalt wie folgt zitiert: "Um die Adresse des Kellners, der öfter Herrn Schmidt bedient, werde ich mich bemühen."

Helmut Müller-Enbergs, einer der beiden Wissenschaftler, die die Dokumente einsehen konnten, hält im Gegensatz zu Jipp geheimdienstliche Observationsprotokolle nicht für grundsätzlich unglaubwürdig. Sie eigneten sich dagegen besonders gut als historische Quellen, da sie "in der Regel sehr genau" seien. Aus dem Geheimdienstbericht ginge hervor, dass Wallraff und Gundlach allein aus dem Hotel gekommen seien, in dem das Treffen stattfand, Wallraffs Freundin sei dagegen erst am nächsten Tag angereist. Dies werfe die Frage auf, "warum Wallraff sich so erinnert". Eine Antwort auf diese Frage gibt Müller-Enbergs nicht. "Wir wollen keine Wertung abgeben, aber wir haben von Wallraff gelernt, Fakten nebeneinander zu stellen", so der Politologe, der neben seiner Tätigkeit an der dänischen Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen arbeitet. Wallraff habe einer ganzen Generation "Wahrhaftigkeit" gelehrt, die müsse nun auch für ihn selbst gelten.

Für Hubertus Knabe, dem Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, ist der Fall eindeutiger: "Für mich bestand nie ein Zweifel daran, dass sich Wallraff konspirativ mit dem Stasi-Mitarbeiter getroffen hat − auch wenn er immer das Gegenteil behauptet hat."

Der Pressesprecher des Hanseatischen Oberlandesgerichts, Dr. Conrad-Friedrich Müller-Horn, sagte auf Anfrage von Tagesspiegel.de, man wolle sich zu einem abgeschlossenen Verfahren nicht äußern.

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