Steuerflucht : Zyperns "Geschäftsmodell" floriert wie nie zuvor

Geld zu verstecken, ist nicht nur für Zypern ein lukratives Geschäftsmodell. Die USA wollen jetzt hart dagegen vorgehen – dem wird sich auch die EU nicht verschließen können. Wie funktioniert die Steuerflucht?

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Oasen - nah und fern.
Oasen - nah und fern.Fotos: fotolia, Montage: Thomas Mika

Am Morgen nach der Schlacht konnte Wolfgang Schäuble seinen Triumph nicht verbergen. „Das Geschäftsmodell Zyperns war nicht erfolgreich“, verkündete der deutsche Finanzminister am vergangenen Montag, nachdem er und seine Euro-Kollegen die Radikalsanierung der zyprischen Banken zulasten von deren Großkunden beschlossen hatten. Zypern habe auf niedrige Steuern und geringe Kontrollen gesetzt, das sei nun eben „gescheitert“, lautete Schäubles Urteil.

Das klingt plausibel – und ist dennoch irreführend. Denn Zyperns „Geschäftsmodell“, also das Verstecken des Geldes von vermögenden Ausländern vor deren Steuerbehörden, war keineswegs erfolglos. Schließlich prosperierte der Inselstaat gut zwei Jahrzehnte auf dieser Basis. Gescheitert sind lediglich die beiden Großbanken des Landes, weil sie das so angelockte Kapital vornehmlich in Griechenland investierten und dabei mehr als vier Milliarden Euro Verlust machten.

Dem eigentlichen Geschäft von Zentren für die Steuerflucht, wie Zypern eines war, wird das jedoch keinen Abbruch tun. Im Gegenteil: Es floriert wie nie zuvor, auch und gerade in Europa.

Wie groß ist die Steuerflucht?

Über das Volumen des Kapitals, das mit Hilfe von Tarngesellschaften oder geheimen Vereinbarungen mit den Behörden der jeweiligen Fluchtstaaten der regulären Besteuerung entzogen wird, gab es lange Zeit nur vage Schätzungen. Im vergangenen Juli legte der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler James Henry nun erstmals eine belastbare Berechnung dazu vor. Dabei stützte sich Henry, ehedem Chefökonom des Beraterkonzerns McKinsey, auf das Phänomen der „unberichteten Kapitalflüsse“. Der Begriff bezeichnet die großen Lücken in den statistisch erfassten Zu- und Abflüssen von Kapital zwischen den Staaten. Auf Basis dieser Bilanzfehler und Daten über den globalen Kapitalmarkt kalkulierte Henry das weltweite Steuerfluchtkapital auf eine Größenordnung von mindestens 21 Billionen Dollar – eine Summe so groß, wie die gesamte Wirtschaftsleistung Deutschlands der vergangenen sieben Jahre.

Selbst unter der vorsichtigen Annahme, dass die Eigentümer damit nur drei Prozent Rendite jährlich erzielen, entziehen sie ihren Heimatstaaten so bei einem angenommenen Steuersatz von 30 Prozent an die 200 Milliarden Dollar Steuereinnahmen – und das jedes Jahr. Wegen dieses „schwarzen Lochs der Weltwirtschaft“ sei die Ungleichverteilung in der Welt weit höher, als gemeinhin angenommen, konstatierte Henry, der seine Studie für das „Tax Justice Network“ (TJN) erarbeitete, einen weltweiten Zusammenschluss von Ökonomen, Rechnungsprüfern und Aktivisten.

Den Nutzen hat nach Angaben Henrys, der bei Bankern und Vermögensverwaltern in aller Welt recherchierte, nur die verschwindend geringe Minderheit von rund 10 Millionen Superreichen, sie entsprechen 0,14 Prozent der Weltbevölkerung. Davon wiederum halten an die 100 000 Personen fast die Hälfte des gesamten „offshore“ gebuchten Vermögens. Ermöglicht werde dies, so Henry, durch eine kleine Gruppe von nur 50 Banken, die das Offshore-Geschäft im Rahmen des „Private Banking“ für Vermögende anbiete. An deren Spitze steht unangefochten der Schweizer Geldriese UBS, gefolgt von der Credit Suisse, der britischen HSBC und der Deutschen Bank (siehe Grafik). Das Private Banking für die Superreichen sei „fast immer mit irgendeiner Form der Steuervermeidung verbunden“, erklärt der deutsche Offshore-Experte Markus Meinzer, der für das TJN über die organisierte Steuerflucht forscht.

Den jüngsten Beleg dafür lieferte der britische Hacker Daniel O’Huiginn. Er kopierte das öffentlich zugängliche Unternehmensregister der Steueroase Panama auf einen anderen Server und konfigurierte die Datenbank neu. Sein Suchprogramm erlaubt es nun, in dem Register direkt nach den Namen der eingetragenen Inhaber oder Direktoren der dortigen Briefkastenfirmen zu suchen. Auf diesem Weg fand er, so berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ vergangene Woche, auch die Namen deutscher Milliardärsfamilien. Demnach waren unter anderem Mitglieder der Bankiersfamilie Fink, der Familien Piëch und Porsche, der Kaffee-Dynastie Jacobs sowie die BMW-Erbin Silvia Quandt und der Verleger Hubert Burda dort eingetragen. Auf Nachfrage gaben alle Betroffenen an, entweder nichts davon zu wissen, die Unternehmen nicht für Steuervorteile zu unterhalten oder den Anlass für die Gründung der jeweiligen Tarnfirmen nicht mehr ermitteln zu können.

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