Streit um Beschneidung : Nicht nach altem Brauch

Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz und der Zentralrat der Juden in Deutschland lehnen umstrittene Praxis "Metzitzah B’peh" bei der Beschneidung ab

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Berlin - Nach der Strafanzeige wegen einer jüdischen Beschneidung in Berlin haben sich die Orthodoxe Rabbinerkonferenz in Deutschland wie auch der Zentralrat der Juden von der umstrittenen Praxis der sogenannten Metzitzah B’peh distanziert. Bei diesem alten, aber seltenen Brauch saugt der Beschneider das Blut von der Wunde des Säuglings ab. Dabei kann es zu Infektionen kommen. Im März hatte der Berliner Rabbiner Yehuda Teichtal seinen Sohn in einer Synagoge beschneiden und die Metzitzah B’peh durchführen lassen. Ein Verein hat Teichtal und den Beschneider daraufhin angezeigt.

Beschneider sollten das Blut nicht mit dem Mund absaugen, sondern eine Pipette oder ein Röhrchen verwenden, empfiehlt die Orthodoxe Rabbinerkonferenz. „Wir haben als jüdische Gemeinschaft vehement um die weitere Legalität und Legitimität des für das Judentum elementaren Gebotes der Beschneidung gekämpft“, sagte auch Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Für die Metzitzah B’peh habe man aber eindeutig „nicht gekämpft“. Wenn dieses Ritual überhaupt angewandt werden müsse, dann mit Pipette, sagte Graumann.

Der Zentralrat sei gerade dabei, ein Zertifizierungsverfahren für in Deutschland zugelassene Mohelim zu entwickeln. Wer als Beschneider Blut mit dem Mund absauge, werde keine Zertifizierung erhalten, versicherte Graumann. Nach monatelangen Debatten hatte der Bundestag im Dezember ein Gesetz verabschiedet, wonach die religiöse Beschneidung in Deutschland erlaubt ist, vorausgesetzt sie werde „nach den Regeln der ärztlichen Kunst“ durchgeführt.

Für den Passauer Strafrechtswissenschaftler Holm Putzke verletzt die Metzitzah B’peh „grob die Regeln ärztlicher Kunst“ und sei deshalb strafbar. Putzke hatte die öffentliche Debatte über die Beschneidung vor einem Jahr mit angestoßen, nachdem das Kölner Landgericht den religiösen Ritus als strafwürdiges Unrecht eingestuft hatte. Die Metzitzah B’peh sei auch nicht vom Elternrecht gedeckt. „Ein Mohel und die einwilligenden Eltern machen sich wegen Körperverletzung strafbar“, sagte Putzke dem Tagesspiegel. Zugleich liege bei fehlender lokaler Betäubung, wie sie bei dem orthodoxen Brauch üblich sei, eine Misshandlung von Schutzbefohlenen vor. Der Säugling werde ohne wirkungsvolle Schmerzbehandlung gequält.

Die Berliner Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob sie Ermittlungen aufnimmt. Nach Ansicht Putzkes muss sie dies. Es liege ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung vor, sagte er. „Wegen der Bedeutung der Sache und der klaren Missachtung der gerade erst verabschiedeten gesetzlichen Vorgaben vermag selbst eine Geldauflage das öffentliche Interesse an der Strafverfolgung nicht zu beseitigen.“ Die Staatsanwaltschaft müsse einen Strafbefehl beantragen oder Anklage erheben. Sollte sie das Verfahren „wider Erwarten“ mangels hinreichenden Tatverdachts einstellen, sei dies als Strafvereitelung und Rechtsbeugung zu werten. Claudia Keller/Jost Müller-Neuhof