• Streit um Rede von Björn Höcke: Die Deutschen und ihre Geschichte - Was noch gesagt wurde

Streit um Rede von Björn Höcke : Die Deutschen und ihre Geschichte - Was noch gesagt wurde

Ignorieren lässt sich die Rede von Thüringens AfD-Chef nicht. Aber es lohnt, sich andere kräftige Zitate vor Augen zu halten. Das hebt das Niveau und zeigt, wie wenig originell Höcke ist. Ein Kommentar.

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Ein Denkmal der Schande? Foto: dpa
Ein Denkmal der Schande?Foto: dpa

Gezielt provozieren will die AfD, und das gelingt ihr ziemlich gut. Am leichtesten fallen solche Provokationen, wenn es um die deutsche Geschichte, den „deutschen Sündenstolz“ (Hermann Lübbe, Philosoph), die deutsche „Dauerzerknirschung“ (Arnulf Baring, Historiker) geht. Rechtsausleger Björn Höcke, AfD-Chef in Thüringen, spielt virtuos auf dieser Klaviatur. Sein Motto könnte lauten: Hart an den Rand der Auschwitz-Lüge gehen, kurz davor stehen bleiben, den „Aufstand der Anständigen“ einkalkulieren, die Empörung genießen.

Nun ist das Thema „Die Deutschen und ihre Geschichte“ nichts, was sich ignorieren lässt. Aber vielleicht lohnt es, sich andere kräftige Zitate darüber vor Augen zu halten, um erstens zu verstehen, wie wenig originell Höcke ist, und um zweitens das Niveau der Auseinandersetzung zu heben. Die Sammlung ist weder vollständig noch repräsentativ oder chronologisch, sondern rein assoziativ.

„Wenn Europa von endlosem Unheil und endgültigem Untergang gerettet werden soll, müssen wir es auf einen Akt des Glaubens an die europäische Familie und einen Akt des Vergessens aller Verbrechen und Irrtümer der Vergangenheit gründen.“ Winston Churchill, 1946

„Ich möchte verstehen, warum in diesem Jahrzehnt die Vergangenheit präsentiert wird wie nie zuvor. Wenn ich merke, dass sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf die Motive hin abzuhören, und bin fast froh, wenn ich glaube entdecken zu können, dass öfter nicht das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken.“

Martin Walser, 1998

„Je länger das Dritte Reich tot ist, um so stärker wird der Widerstand gegen Hitler und die Seinen.“ Johannes Gross, Publizist

„Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.“ Franz Josef Strauß, September 1969

(Später bestritt Strauß diese Aussage.)

„Nun soll in der Mitte der wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin ein Mahnmal an unsere fortwährende Schande erinnern. Anderen Nationen wäre ein solcher Umgang mit ihrer Vergangenheit fremd. Man ahnt, dass dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet ist. Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität.“

Rudolf Augstein, 1998

„Vorwärts immer – rückwärts nimmer!“ Erich Honecker

„Was das Mahnmal betrifft, könnte man, ganz im Gegensatz zum ,Dritten Reich’, von einer deutschen Kollektivschuld sprechen. Alle, die bei diesem Projekt mitgemischt haben, haben sich schuldig gemacht. Das Ding steht jetzt da, wahrscheinlich die nächsten tausend Jahre. Ich sehe das Mahnmal als eine Fortsetzung des ,Dritten Reiches’ mit den Mitteln der Bildhauerei.“ Henryk M. Broder, 2005

„Überhaupt ist pikant, wie gierig der Mainstream das rechtsradikale Rinnsal stetig zu vergrößern sucht, das Verpönte immer wieder und noch einmal verpönt, nur um offenbar immer neues Wasser in die Rinne zu leiten, denn man will’s ja schwellen sehen, die Aufregung soll sich ja lohnen. Das vom Mainstream Missbilligte wird von diesem großgezogen, aufgepäppelt, bisweilen sogar eingekauft und ausgehalten.“ Botho Strauß, 1993

„Was als aufklärerisches Tun begann und zu einer nachholenden geistigen Befreiung der Deutschen führte, (...), verfestigte sich in bestimmten Kreisen zu einem rituellen Antifaschismus, der weniger daran interessiert war, an die Leiden der Opfer zu erinnern, als den innenpolitischen Gegner zu diskreditieren. (…) Enthält vielleicht die immerwährende Zerknirschung ein magisches Element, das die Schuld des immer wiederkehrenden Wegsehens ,bannen’ soll?“ Joachim Gauck, 1998

„Die Deutschen sind eine vergangenheitsabhängig anhaltend verwirrte Nation.“ Hermann Lübbe, Philosoph

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