Studie zu Linksextremismus : Ein Fünftel der Deutschen ist zur Revolution bereit

Eine Studie der Freien Universität Berlin kommt zu dem Ergebnis, dass linksextreme Einstellungen weit verbreitet sind. Ein Drittel der Deutschen meint demnach: Echte Demokratie geht nur ohne Kapitalismus.

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Jeder fünfte Deutsche ein Revolutionär?
Jeder fünfte Deutsche ein Revolutionär?Foto: AFP

Sind die Deutschen revolutionärer gestimmt, als man das weithin annimmt? Steckt hinter der Fassade von Zufriedenheit und relativ breitem Wohlstand eine Stimmung, die stärker zum Umsturz neigt als gedacht? Sind die Deutschen, die seit zehn Jahren von Angela Merkel regiert werden, insgesamt weitaus linker, als die Wahlergebnisse darlegen? Eine neue Studie der Freien Universität kommt zu einem Ergebnis, das solche Fragen nahe legt. Wie Klaus Schroeder und Monika Deutz-Schroeder vom SED-Forschungsverbund herausfanden, ist eine links motivierte kritische Haltung zu Demokratie und Kapitalismus recht weit verbreitet.

Nach einer repräsentativen Befragung von 1400 Personen schälte sich heraus, dass ein Sechstel der Bevölkerung entweder linksradikale oder sogar linksextremistische Positionen teilt – auch wenn sich diese Gruppe dessen zum Teil möglicherweise gar nicht bewusst ist. Im Osten sind die linken Vorstellungen mit 28 Prozent Zustimmung deutlich weiter verbreitet als im Westen mit 14 Prozent – ein Phänomen,  das sich mit der antikapitalistischen Nachprägung aus DDR-Zeiten und den etwas anderen Erfahrungen nach 1990 erklären lässt.  Immerhin: Nur vier Prozent der Befragten zeigten ein „nahezu geschlossenes linksextremes Welt- und Gesellschaftsbild“. 13 Prozent stimmen nur einigen dieser Anschauungen zu. Gewaltbereit sind laut Studie sieben Prozent der Befragten.

Sozialismus eine gute Idee - aber schlecht ausgeführt

Als Linksradikale definieren die FU-Forscher jene, die den Kapitalismus, also die Marktwirtschaft, abschaffen wollen. Linksextreme sind dagegen Leute, welche die bürgerliche Gesellschaft zerstören und den bestehenden Staat zerschlagen wollen – also für eine Revolution plädieren. Das sind offenbar gar nicht so wenige. Nach der Befragung sind 20 Prozent der Bevölkerung der Meinung, mit Reformen lasse sich eine Verbesserung der Lebensbedingungen nicht erreichen, stattdessen plädierten sie für Revolution. 60 Prozent der Ostdeutschen und auch ein Drittel der Westdeutschen halten Sozialismus für eine gute Idee, die nur schlecht ausgeführt worden sei. 30 Prozent meinen, eine echte Demokratie sei nur ohne Kapitalismus möglich. Knapp zwei Drittel halten die Bundesrepublik nicht für eine echte Demokratie, weil nicht die Wähler das Sagen hätten, sondern die Wirtschaft. Jeder zweite Befragte plädierte für die Abschaffung des staatlichen Gewaltmonopols.

 Die Studie liefert aber nicht nur Umfragedaten, die man stets mit etwas Skepsis betrachten sollte. Schroeder und seine Mitarbeiter kommen auch zu dem Ergebnis, dass sich in jüngster Zeit die Kräfteverteilung auf der Linken verschoben habe. Die radikalen Linken, also die Gemäßigten, haben demnach im Vergleich zu den Linksextremen mehr politischen Einfluss erlangt.

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