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Studie zum gesellschaftlichen Zusammenhalt : Unsolidarischer Osten als Folge der DDR-Diktatur?

In einer Untersuchung zum gesellschaftlichen Zusammenhalt landen die neuen Bundesländer geschlossen auf den hinteren Plätzen. Das könnte nach Meinung der Forscher mit der sozialistischen Vergangenheit zusammenhängen.

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Geschlossenheit ist im Westen ausgeprägter.
Geschlossenheit ist im Westen ausgeprägter.Foto: dpa

Ganz hinten landen Brandenburg, Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Und es geht hier keineswegs um Prognosen zum Bevölkerungswachstum. Vielmehr ist in diesen Bundesländern der Gemeinsinn am wenigsten ausgeprägt. Das ist eines der herausragenden Ergebnisse einer Studie der Bertelsmann-Stiftung. Dem am Montag veröffentlichten „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ zufolge verhalten sich die Ostdeutschen längst nicht so solidarisch wie die Westdeutschen. In Hamburg ist der Zusammenhalt demnach am größten, es folgen die Südländer Baden-Württemberg und Bayern.

Bemerkenswert ist es auf den ersten Blick schon, dass die neuen Bundesländer gerade beim Thema Zusammenhalt so geschlossen zurückliegen. Galten die Bürger der DDR nicht immer als besonders solidarisch? Hat man sich nicht gegenseitig ausgeholfen und unterstützt? Die Wissenschaft ist sich darüber uneins. „Eine Strömung geht davon aus, dass in einer Mangelgesellschaft viel Solidarität nötig war“, sagt Vereinigungsforscher Raj Kollmorgen, der als Professor an der Hochschule Zittau/Görlitz arbeitet. „Eine breitere Strömung aber ist der Ansicht, dass sich die Menschen in sozialistischen Ländern außerhalb ihres Familien- und Freundeskreises eher abschotten und skeptisch gegenüber Anderen sind.“ Kollmorgen spricht in diesem Zusammenhang von einer „eingeschränkten Solidarität“. So lässt sich wohl auch die jüngste Studie deuten.

Für ein umfassendes Deutschlandbild untersuchten die Wissenschaftler von der Jacobs University in Bremen soziale Beziehungen zu anderen Menschen, die emotionale Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und die Orientierung am Gemeinwohl anhand von 31 Indikatoren. Vertrauen in die Mitmenschen, gesellschaftliche Teilhabe, Akzeptanz von sozialen Regeln, Hilfsbereitschaft, Anerkennung unterschiedlicher Lebensstile und Gerechtigkeitsempfinden spielten beispielsweise eine Rolle.

Ostdeutsche fühlen sich eher benachteiligt


Als Grundlage dafür dienten sogenannte Sekundärdaten – das heißt, die Studie greift auf bereits vorhandene Erhebungen aus den vergangenen Jahren zurück, vor allem auf Daten Statistischer Ämter sowie nationale, europa- und weltweite Umfragen. Zumeist handelt es sich um repräsentative Befragungen von durchschnittlich 1500 Menschen. Der Vorteil bei dieser Methode ist, dass die Wissenschaftler breites, vielfältiges Material zur Verfügung hatten. Nachteilig wirkt sich aus, dass sich Ziele der anderen Forschungsprojekte doch arg von denen dieser Studie unterscheiden.

Zwar weist die Untersuchung aus, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland insgesamt seit 1990 gewachsen ist, der Abstand zwischen Ostdeutschland und den westlichen Bundesländern ist 25 Jahre nach dem Mauerfall aber größer denn je. Glaubt man den Autoren, ist es kein Zufall, dass Ostdeutschland weniger gut abschneidet – sie erkennen Parallelen sogar zu anderen ehemals sozialistischen Staaten. „Das relativ geringe Vertrauen der Ostdeutschen in ihre Mitmenschen typisch für Länder, in denen zuvor eher Kontrolle das gesellschaftliche Klima bestimmt hatte“, schreiben sie.

Und auch beim Thema Verteilungsgerechtigkeit zeigen sich große Differenzen. Während im Westen mehr als jeder Zweite der Ansicht ist, einen gerechten Anteil am Wohlstand zu erhalten, ist es in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt nur jeder Fünfte. Vereinigungsforscher Kollmorgen führt das auf die gesellschaftspolitischen Entwicklungen seit der Wiedervereinigung zurück: „Durch die Konfrontation mit den harten Marktgesetzen hat sich eine neue Ellbogenmentalität herausgebildet. Das Konkurrenzdenken ist größer.“

Skepsis gegenüber Zuwanderern

Man muss zusehen, wo man bleibt, laute die Devise. Offenbar ist das vor allem bei Menschen der Fall, die in der DDR sozialisiert wurden und sich 1989 in eine unsichere Welt geschubst fühlten. Aber auch generellere Mentalitätsunterschiede könnten zu diesem Ergebnis beitragen. Für Kollmorgen mache es schon etwas aus, ob eine Kultur der Solidarität von oben verordnet wurde wie in der DDR oder sich aus den Gegebenheiten ergebe und dann „eher verinnerlicht wird“.

Wirtschaftliche Faktoren verstärken die Differenzen noch. „Je höher das Bruttoinlandsprodukt eines Bundeslandes, je niedriger das Armutsrisiko, je urbaner das Wohnumfeld und je jünger die Bevölkerung, desto höher der Zusammenhalt“, sagt Kai Unzicker, Experte für gesellschaftliche Entwicklung bei der Bertelsmann-Stiftung. Eine ähnliche Entwicklung in Ost und West kann nur in punkto Freizügigkeit verzeichnet werden. So nahm nach Angaben der Studie in nahezu allen Bundesländern die Toleranz gegenüber Homosexuellen deutlich zu. Zuwanderern begegnen viele Deutsche dagegen mit Skepsis. Immer seltener werde akzeptiert, dass diese hier ihren traditionellen Lebensstil pflegten. Dabei sei dies den Autoren zufolge unbegründet: „In den Bundesländern mit den höchsten Ausländeranteilen halten die Bürger am engsten zusammen.“

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