Studie zur ambulanten Pflege : Chronisch unterfinanziert

Einer aktuellen Studie zufolge wird ambulante Pflege viel zu schlecht vergütet. Die Folge: miese Löhne und Minutenpflege. Daran ändert auch die geplante Reform wenig.

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Minutenpflege. Aus Expertensicht ist die ambulante Pflege unterfinanziert.
Minutenpflege. Aus Expertensicht ist die ambulante Pflege unterfinanziert.Foto: dpa

Um die Misere der ambulanten Pflege zu erkennen, genügt ein Blick auf die Zeitkontingente. Die „große Morgentoilette“ (also Hilfe beim Ankleiden, Waschen, Rasieren, Zähneputzen und Kämmen) ist – damit sich die Sache für die Anbieter noch rechnet – inzwischen nicht mehr in 45 Minuten, sondern in weniger als einer halben Stunde zu absolvieren. Zum Reinigen der Wohnung stehen den Pflegekräften sechs Minuten zur Verfügung, für Hilfe beim Essen und Trinken ist eine Viertelstunde veranschlagt.

"Eine Zumutung"

Eine „Zumutung für alle Beteiligten“ nennt Werner Hesse diese Vorgaben. Den Grund dafür sieht der Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes in der „chronischen Unterfinanzierung“ des Systems. Belegen kann er das mit einer aktuellen Expertise, die sein Verband am Donnerstag veröffentlichte. Demnach sind die Kosten der Pflegedienste seit 1998 im Schnitt um 70,4 Prozent gestiegen. Die Kassenausgaben dafür erhöhten sich im gleichen Zeitraum aber nur um 15 Prozent.

Der Studie zufolge liegen die Vergütungen in der ambulanten Pflege inzwischen um 48 Prozent zu niedrig, so das Ergebnis der Studie. Die eklatante Finanzierungslücke habe nur aufgefangen werden können durch „erhebliche Arbeitsverdichtung“ und immer schlechter werdende Arbeitsbedingungen. Dass das System bisher nicht kollabiert liege, sei einzig „den Menschen zu verdanken, die vor Ort mit hohem Engagement an der Grenze zur Selbstausbeutung agieren“, sagte Hesse. Die Leidtragenden seien Pflegende wie Pflegebedürftige. Und die vier Prozent, die jetzt bei der Pflegereform als Inflationsausgleich vorgesehen sind, reichten „natürlich nicht, um aus diesem Loch wieder herauszukommen“.

Jeder sechste Euro fließt in Bürokratie

Neben höheren Betriebskosten und gestiegenen Anforderungen an die Pflegenden schlage auch der immer höher werdende Bürokratieaufwand zu Buche, sagte der Funktionär. Der Expertise zufolge ist er seit 1998 um bis zu 24 Prozent gestiegen. Mit jährlich 2,7 Milliarden Euro werde inzwischen „jeder sechste Euro für Dokumentation und Verwaltung und nicht für die Menschen ausgegeben“. Das sei, so Hesse, in einer Teilkostenversicherung mit einer hohen Eigenbeteiligung der Versicherten „nicht vertretbar“.

Um endlich wieder angemessene Löhne zahlen zu können, forderte der Verband die Bundesregierung auf, die Vergütung in der ambulanten Pflege „deutlich“ zu erhöhen. Damit die Mehrkosten nicht an den Pflegebedürftigen hängen blieben, müssten auch die Leistungsbeträge der Kassen entsprechend steigen. Und um den Anreiz zur Minutenpflege zu beseitigen, müsse die Finanzierung künftig nach Zeitaufwand und nicht länger nach Pauschalen und Modulen erfolgen.

Für all dies sei Geld da, betonte Hesse. Die Koalition müsse nur darauf verzichten, jährlich eine Milliarde Euro in einen fragwürdigen Vorsorgefonds zu stecken. Mit dieser Milliarde ließen sich die Pflegevergütungen um mehr als 30 Prozent anheben, rechnete der Geschäftsführer vor. Zudem müsse die Pflege wieder einen Kompass erhalten. Der „Leitgedanke der Menschenwürde“ sollte künftig aus Verbandssicht analog dem Sozialhilfegesetz auch im Pflegeversicherungsgesetz verankert sein.

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