Syriens Schicksal : Verschleppt, gefoltert, getötet

Lautstarker Protest. Demonstranten fordern vor dem Nato-Hauptquartier in Brüssel die Abdankung des syrischen Staatschefs Baschar al Assad. Wer hingegen in Syrien auf die Straße geht, muss mit einer brutalen Reaktion der Sicherheitskräfte rechnen. Foto: REUTERS
Lautstarker Protest. Demonstranten fordern vor dem Nato-Hauptquartier in Brüssel die Abdankung des syrischen Staatschefs Baschar al Assad. Wer hingegen in Syrien auf die Straße... - Foto: REUTERS

Syriens Staatschef Baschar al Assad geht brutal gegen Oppositionelle vor. Mindestens 3000 Regimegegner sind verschwunden.

Manchmal ist es eine gute Nachricht, wenn es keine Nachrichten gibt. Zumindest besteht dann noch Hoffnung. Für Ghiyath Matar gibt es die nicht mehr. Der syrische Aktivist überlebte seine Verhaftung keine Woche: Vier Tage nachdem Sicherheitsdienste ihn festgenommen hatten, wurde seinen Eltern der Leichnam ihres Sohnes übergeben. Gestorben ist er einen qualvollen Foltertod, der das Gegenteil all dessen symbolisiert, für das Matar stand: gewaltfreier Widerstand, Blumen für Soldaten, keine Waffen, auch wenn das Regime noch so brutal zuschlägt.

Der junge Schneider, gerade mal 24 Jahre alt, lebte im Damaszener Vorort Darayya, wo er zahlreiche Demonstrationen organisierte.

Die Geburt seines ersten Kindes steht unmittelbar bevor. Viele Syrer haben, um ihre Trauer über den brutalen Tod des so friedvollen Revolutionärs auszudrücken, ihr Profilfoto auf Facebook gegen ein Bild von ihm ausgetauscht. An seiner Beerdigung nahmen sogar der amerikanische und der französische Botschafter in Damaskus teil. Kurz nachdem die beiden die Zeremonie verlassen hatten, wurde sie von der Polizei aufgelöst.

Matar muss geahnt haben, dass sein Leben abrupt und frühzeitig enden könnte. Freunden hatte er vor seiner Verhaftung mit auf den Weg gegeben, sie sollten sich seiner erinnern, „wenn ihr den Sturz des Regimes feiert“.

Von Hanadi Zahlout gibt es seit ihrer Verhaftung am 4. August so gut wie keine Nachrichten. Der derzeitige Aufenthaltsort der 29-jährigen Journalistin und Aktivistin ist nicht bekannt. Sie zählt damit zu den mindestens 3000 Verschwundenen, die Menschenrechtsorganisationen seit Beginn der syrischen Revolution gezählt haben. Andere Schätzungen gehen von weitaus höheren Zahlen aus.

Die wenigen Informationen, die nach draußen drangen, seit Sicherheitskräfte sie in einem Café in Jaramana bei Damaskus festnahmen und zum politischen Geheimdienst in Al Fayha verschleppten, lassen nichts Gutes ahnen: Zahlout, die es lange geschafft hatte, ihre Oppositionsarbeit geheim zu halten, soll zu einem Geständnis gezwungen worden sein, indem vor ihren Augen ein Freund brutal gefoltert wurde. Doch Zahlouts Fall ist noch weitaus komplizierter – denn die junge Frau aus Lattakia ist Alewitin, also Mitglied derselben schiitischen Splittersekte wie Staatschef Baschar al Assad und dessen Herrscherclan. In den Augen des Regimes ist sie also eine Verräterin aus den eigenen Reihen, gegen die oft besonders scharf vorgegangen wird.

Die Familie etwa des desertierten Offiziers Hussein Harmoush, einem der ersten und bislang ranghöchsten Überläufer aus den Reihen der Armee, wird seit dessen Flucht in die Türkei gnadenlos verfolgt. Vor zwei Tagen berichteten die örtlichen Koordinierungskomitees für Syrien, zwei von Harmoushs Brüdern und ein Neffe seien von Sicherheitskräften entführt, die Frau seines Neffen in die Schulter geschossen und zusammen mit ihrem Sohn ebenfalls entführt worden. Einen Tag nach den Entführungen wurden ein Bruder und der Neffe der Familie tot übergeben, mit Spuren schwerer Folter. Von der Frau des Neffen und ihrem Sohn fehlt jede Spur. Zwei Cousins wurden ebenfalls entführt, einer davon erst zwölf Jahre alt. Auch diese beiden wurde der Familie kurz darauf tot und mit Folterspuren übergeben.

Damit nicht genug: Inzwischen ist Harmoush selbst offenbar wieder in Syrien. Wie und warum er freiwillig dorthin zurückkehrte oder zur Rückkehr gezwungen wurde, kann derzeit mit Gewissheit niemand sagen. Zahlreiche Gerüchte und Spekulationen umgeben den Fall. Menschenrechtsaktivisten aus Syrien beschuldigen das Regime, ihn aus der Türkei entführt und nach Syrien verschleppt zu haben, was ihrer Meinung nach nur mithilfe oder zumindest stiller Duldung der türkischen Behörden möglich sei. Gegenüber der britischen Tageszeitung „Guardian“ erklärte der syrische Aktivist Wissam Tarif, Harmoush sei im Austausch gegen neun militante PKK-Kämpfer an Syrien ausgeliefert worden. Die Türkei jedoch weist öffentlich jegliche Kooperation mit dem syrischen Regime zurück. Im syrischen Staatsfernsehen erklärte der so mysteriös repatriierte Harmoush vor einigen Tagen, anders als von syrischen Aktivisten behauptet habe niemand der Armee je den Befehl gegeben, auf Zivilisten zu schießen. Er sei sich sicher, dass die vielen Toten auf das Konto „bewaffneter Banden“ gingen – womit der desertierte Offizier die Linie des Regimes bestätigte.

Für die Demonstranten in Syrien bleibt er dennoch ein Held. Laut rufen sie bei Protestzügen seinen Namen. Niemand glaubt, dass er freiwillig zurückgekehrt und im Staatsfernsehen aufgetreten ist.

Für Hanadi Zahlout, die Journalistin, lauert die Gefahr unterdessen gleich auf zwei Seiten: Ihre Familie hat empört auf ihre politischen Aktivitäten gegen das Regime reagiert. Ein Verwandter soll laut einem Bericht des Syrischen Zentrums für Medien und Meinungsfreiheit bereits 2009 gedroht haben, wenn sie nicht mit dem Schreiben aufhöre – Zahlout arbeitete als Journalistin bevorzugt über Frauen- und Menschenrechte –, werde ihr „etwas sehr Unangenehmes widerfahren“. Freunde fürchten nun, dass sie selbst dann noch in Gefahr sein werde, sollte sie wider Erwarten bald entlassen werden – dann vonseiten ihrer Familie.

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