Politik : Taliban nehmen Elite ins Visier Das gezielte Töten ähnelt

der US-Strategie

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Berlin - Es war der schwerste Verlust der US-Truppen seit Beginn des Afghanistan-Kriegs vor zehn Jahren, als am Sonnabend in Afghanistan ein Hubschrauber mit 38 Soldaten an Bord verunglückte – unter ihnen 30 Amerikaner. Die Taliban bekannten sich, der Hubschrauber sei von ihnen abgeschossen worden. Doch trotz dieser Aufsehen erregenden Tat, die jüngste Strategie der Islamisten ist eine andere. Sie versuchen, gezielt die Führungselite des Landes zu töten. „Wen erwischt es als nächsten?“, fragen sich afghanische Politiker, Verwaltungschefs und Militärs seit einigen Wochen ängstlich. Mancher Würdenträger traut sich kaum noch aus dem Haus. Denn jede Woche wird die Liste der ermordeten Prominenten länger und länger.

Am vergangenen Mittwoch tötete ein Selbstmordattentäter Ghulam Haider Hamidi, den Bürgermeister von Kandahar und Vertrauten von Präsident Hamid Karsai, bei einem Treffen mit Stammesältesten. Wenige Tage davor töteten Attentäter Karsais Halbbruder Ahmad Wali Karsai, der als starker Mann von Kandahar galt, und kurz darauf den Gouverneur der Provinz Urusgan, einen weiteren Gefolgsmann des Präsidenten.

Die Taliban und andere Aufständische setzen seit einigen Monaten verstärkt auf das gezielte Töten von Regierungsvertretern. Von einer „Attentatskampagne“ spricht der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig. Allein in Kandahar, der Talibanhochburg im Süden, hätten Aufständische seit Jahresbeginn 39 erfolgreiche Attentate verübt, hinzukamen mehr als 20 Versuche, bei denen die Opfer überlebten.

Ruttig, Mitbegründer des Afghanistan Analysts Networks, einem Think Tank, der mit Afghanen, ausländischen Diplomaten und Entwicklungshelfern vernetzt ist, kehrte vor kurzem aus Afghanistan zurück. Die Taten verunsichern nicht nur die Elite des Krisenstaates, sagt er. „Auch einfache Afghanen machen sich Sorgen, sie trauen den eigenen Sicherheitskräften nicht zu, selber für die Sicherheit zu sorgen“, sagt Ruttig. „Der Internationalen Schutztruppe gelingt das allerdings auch nicht.“

Nicht nur im Süden und Osten Afghanistans, wo die Taliban besonders stark sind, schlagen die Attentäter zu. Auch im Norden, im Mandatsgebiet der Bundeswehr, nehmen die Attentate zu. Im Oktober vergangenen Jahres ermordeten Aufständische dort den Gouverneur der Unruheprovinz Kundus, Mohammed Omar. Mit sechseinhalb Amtsjahren war er der dienstälteste Provinzchef Afghanistans. Er hatte schon mit der Nordallianz gegen die Taliban gekämpft. Der Tod des Gouverneurs sei ein großer Erfolg für die Taliban, urteilten Terrorexperten der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Die Aufständischen zeigten nun, dass auch sie in der Lage sind, Schlüsselpersonal ihres Gegners gezielt zu liquidieren.

Auch Ruttig erkennt in dem Vorgehen der Taliban deutliche Parallelen zur Aufstandsbekämpfung der US-Armee. Die amerikanischen Spezialkräfte werden gezielt losgeschickt, um Talibananführer auszuschalten. Nun nehmen die Aufständischen selber verstärkt ihre Feinde ins Visier – und gehen dabei strategisch und sehr unterschiedlich vor: Der Bruder Karsais wurde von einem seiner Leibwächter erschossen. Den Polizeigeneral Mohammad Daud Daud ermordeten die Taliban mit einem ferngezündeten Sprengsatz in Taloqan - dabei wurden auch zwei deutsche Soldaten getötet und der deutsche Kommandeur des Regionalkommandos Nord, Generalmajor Markus Kneip, schwer verwundet. Der Gouverneur von Kundus wurde beim Beten in einer Moschee mit 14 weiteren Männern mit einer Bombe in die Luft gesprengt. Und der Bürgermeister von Kandahar wurde von einem Selbstmordattentäter umgebracht.

Mit den Attentaten wollen die Taliban ihre Stärke unter Beweis stellen, sagt Ruttig, vor allem jetzt, wo die afghanischen Sicherheitskräfte in mehreren Provinzen die Verantwortung übernommen haben. Die Hilflosigkeit des Sicherheitsapparats werde offenbar. Bisher haben die afghanischen Behörden auf die Attentate keine Antwort gefunden.

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