Tatort Wohnung : Immer mehr Einbrüche in Deutschland durch professionelle Banden

Die Zahl der Einbrüche ist so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr. Immer mehr professionelle Banden sind unterwegs. Die Polizeigewerkschaft fordert nun ein Zentralregister.

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Nicht bruchsicher. Alle dreieinhalb Minuten findet in Deutschland ein Einbruch statt.
Nicht bruchsicher. Alle dreieinhalb Minuten findet in Deutschland ein Einbruch statt.Foto: dpa

Sie hinterlassen oft einen beträchtlichen Schaden und jede Menge verängstigte Menschen. Und doch kommen sie in den meisten Fällen einfach so davon. Rainer Wendt formuliert es sogar noch drastischer: „Deutschland ist eine Oase für Wohnungseinbrecher“, sagt der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft. Während ansonsten mehr als die Hälfte der Straftaten hierzulande aufgeklärt werden können, sind es bei Einbrüchen gerade mal 15 Prozent. Dabei gibt es immer mehr davon. Durchschnittlich wird hierzulande alle dreieinhalb Minuten in eine Wohnung eingebrochen. Das geht aus der Kriminalstatistik für 2013 hervor, die der „Welt am Sonntag“ vorab vorlag und am Mittwoch vom Innenministerium offiziell vorgestellt wird.

Demnach hätten die Einbrüche im vergangenen Jahr um 3,7 Prozent auf 149500 zugenommen – das sind so viele Fälle wie seit 15 Jahren nicht mehr. Allein innerhalb der vergangenen fünf Jahre seien die Delikte um 33 Prozent gestiegen. Das hängt nach Angaben von Kriminologen und der Polizeigewerkschaft vor allem mit der Täterstruktur zusammen. So würden immer mehr professionelle und arbeitsteilig organisierte Banden zuschlagen, die nur schwer zu schnappen seien. In Großstädten käme noch die Beschaffungskriminalität dazu, sagt Wendt. „Da sind die Täter typischerweise jung, männlich und drogenabhängig. Sie profitieren vom anonymen Umfeld.“ In der Rangliste aller Einbrüche liegt Bonn dem Bericht zufolge mit 563,8 Einbrüchen pro 100000 Einwohner vorne. Es folgen Aachen und Köln. Berlin verzeichnet bei einer Aufklärungsrate von sieben Prozent immerhin noch 342,7 Einbrüche je 100000 Einwohner; am sichersten war es 2013 in Augsburg (53,9).

Dass sich am allgemeinen Trend zu mehr Einbrüchen etwas ändert, glaubt der Gewerkschaftsvorsitzende nicht. „Die Qualität der vorhandenen Ermittler ist gut, aber es fehlt schlicht an Personal, Technik und Analysekompetenz“, sagt er. „Beim Bürger muss so die Botschaft ankommen, der Staat kümmere sich nicht und verwalte lediglich.“ Das Innenministerium möchte sich zu den Zahlen und den daraus resultierenden Konsequenzen mit Verweis auf die Vorstellung der Statistik am Mittwoch nicht vorab äußern.

Was kann der Bund tun?

Von Minister Thomas de Maizière (CDU) fordert Wendt konkrete Maßnahmen, zum Beispiel eine übergreifende Vernetzung. „Wie im Bereich der Terrorbekämpfung muss es auch bei Straftaten wie Einbrüchen eine zentrale Informationssteuerung geben“, sagt er. „Die Möglichkeiten eines – auch europaweiten – Austausches gibt es, man muss sie nur nutzen.“ Im Moment arbeitet die Innenministerkonferenz einen bundesweiten Lagebericht zum Thema aus, der Ort, Zeit und die Art und Weise aller Einbrüche verzeichnen soll.

Trotzdem beklagt Wendt, dass die Politik „das Feld immer noch zu sehr der Privatwirtschaft überlässt“. Tatsächlich verzeichnete der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) im Fall von Einbrüchen 2013 Rekordkosten, wie er am Montag mitteilte. Demnach leisteten die Versicherer 480 Millionen Euro und damit 20 Millionen mehr als noch im Jahr zuvor. „Zu oft finden Einbrecher nur wenig gesicherte Wohnungen und Häuser“, sagte der GDV-Vorsitzende Jörg von Fürstenwerth. Darüber hinaus seien die Summen gestiegen, weil die Haushalte über immer mehr teure technische Geräte wie Laptops oder Smartphones verfügen.

Doch was folgt daraus? Immer mehr Vorsichtsmaßnahmen? Das vierte Sicherheitsschloss an der Tür? Komplett verriegelte Häuser? Nach Aussage der Polizei ist es zwar ratsam, sich ausreichend abzusichern, dennoch benötige es grundlegende Veränderungen bei den Ermittlungen. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise ist ein Pilotprojekt gestartet, bei dem Schutzpolizisten in die Suche nach Einbrechern eingebunden werden. Sie überprüfen verdächtige Personen im Rahmen üblicher Verkehrskontrollen. Gerade bei organisierten kriminellen Banden verspricht sich die Polizei so eine höhere Aufklärungsrate, weil mögliche Reisewege der Kriminellen besser verfolgt werden können.

Abgeschreckt fühlen sich die Täter dadurch bisher noch nicht. Im Gegenteil: Immer mehr von ihnen, auch das zeigt die Statistik, brechen tagsüber in Wohnungen und Häuser ein. Mit ziemlicher Gewissheit, sowieso nicht geschnappt zu werden.

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