Politik : Terror im Friedensland

In Norwegen gab es bisher wenig politische Gewalt – weder von Islamistengruppen noch von Rechtsextremen

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Terror in Oslo. Die Detonation der Bombe zerstörte große Teile des Regierungsviertels in der norwegischen Hauptstadt. Foto: Morten Holm/AFP
Terror in Oslo. Die Detonation der Bombe zerstörte große Teile des Regierungsviertels in der norwegischen Hauptstadt. Foto: Morten...Foto: AFP

Stockholm/Berlin - Ganz Norwegen ist wie gelähmt vom Bombenanschlag auf das Regierungsviertel der knapp 600 000 Einwohner zählenden Hauptstadt Oslo. Zu den Hintergründen und Tätern herrschte bis in den späten Abend Rätselraten. Oistein Mjarum, Sprecher des norwegischen Roten Kreuzes, sagte der BBC: „Wir hatten bisher keine Terroranschläge dieser Art in Norwegen, aber wir haben uns davor gefürchtet, wenn man sieht, was überall auf der Welt passiert.“

Kai Hirschmann, stellvertretender Leiter des Instituts für Terrorismusforschung in Essen, hält drei Motive für theoretisch möglich, aber nur eines für wahrscheinlich: das islamistische. Einen gezielten Anschlag auf den norwegischen Premier Jens Stoltenberg schließe er aus – dagegen spreche die Massivität des Anschlags in Oslos Innenstadt und dass der Schütze im Jugendcamp hätte wissen müssen, dass Stoltenberg erst für den heutigen Samstag seinen Besuch angesagt hatte. Einzeltäter, „egal aus welchem Milieu“, seien in der jüngeren Geschichte eher Ausnahmeerscheinungen und würden auf den politischen Gegner zielen.

Der Anschlag vom Freitagnachmittag dagegen trage die Handschrift der Islamisten und folge einem bekannten Muster: Erstens handelte es sich um koordinierte Anschläge, und Autobomben seien das Terrormittel der Wahl „von Algerien bis Pakistan“. Zweitens sprächen Zeitpunkt – Freitagnachmittag – und Ziel, nämlich „politische Einrichtungen von hohem Symbolgehalt und möglichst viele Menschen“, für einen islamistischen Hintergrund. Drittens gehöre Skandinavien insgesamt nach den Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung durchaus zum Zielraum der Islamisten, die nicht zwischen den einzelnen Staaten Nordeuropas unterschieden. Das lasse sich auch am Selbstmordattentat von Stockholm Ende vergangenen Jahres ablesen.

Das Nato-Mitgliedsland Norwegen wurde schon in der Vergangenheit von vermeintlichen Al-Qaida-Vertretern wegen seiner Mitwirkung in Afghanistan bedroht. Auch eine Enthüllungsgeschichte in der Landespresse, in der norwegische Soldaten in Afghanistan davon schwärmten, dass es schöner sei, mit dem Gewehr einen Taliban zu töten, „als Sex zu haben“, wurde heftig kritisiert, hatte aber letztlich nicht die befürchteten Konsequenzen in der islamischen Welt. Die Armeeführung entschuldigte sich umgehend.

Erst im vergangenen Sommer wurden jedoch drei Terrorverdächtige mit islamistischem Hintergrund festgenommen. Angeblich hatte die Polizei sie zu diesem Zeitpunkt bereits ein Jahr lang beobachtet – unter anderem beim Versuch, eine Wasserstoffbombe zu bauen. Über ein mögliches Anschlagsziel wurde seinerzeit nichts bekannt. „Das zeigt, dass auch Norwegen nicht frei von Bedrohungen ist“, sagte Ministerpräsident Jens Stoltenberg damals. In Afghanistan sei sein Land mit 500 Soldaten, aber vor allem auch mit einem sehr umfangreichen humanitären Programm aktiv, „damit das Land nicht wieder eine Freizone für den Terrorismus werden kann“, sagte Stoltenberg. Zudem nimmt Norwegen auch am Nato-Bombardement in Libyen teil.

Der Sender Al Dschasira berichtete zudem, dass die Ermittlungsbehörden vor kurzem eine Untersuchung gegen den im norwegischen Exil lebenden Gründer der kurdischen Organisation „Anwar al Islam“, Mullah Krekar, begonnen haben. Er soll einer Parlamentsabgeordneten mit dem Tod gedroht haben. Krekar muss bei einer Auslieferung an den Irak mit der Todesstrafe rechnen. Sein Anwalt beteuerte allerdings, Krekar habe mit dem Bombenanschlag nichts zu tun.

Norwegen, dessen Parlamentsvertreter jährlich den Friedensnobelpreis vergeben, gilt international vor allem als Land des Friedens. Politische Gewalt ist in dem durch seine gewaltigen Öl- und Gasvorkommen reichsten Land Europas bislang eine völlig unbekannte Größe. Im sozialdemokratischen Land, wo sich alle duzen, hat es seit Jahrzehnten keine gewaltsamen politischen Aktivitäten gegeben.

Die norwegischen Medien waren am Freitag nach dem Anschlag auffällig zurückhaltend, Spekulationen über islamistische Täter anzustellen. Der Anschlag könne von radikalisierten muslimischen Einwanderern in Norwegen ausgeübt worden sein, die teils auch persönlichen Groll gegen ihre Gastnation haben könnten, lautete eine der wenigen Spekulationen in diese Richtung. Doch gibt es auch in Norwegen Rassismus und Islamophobie. Die rechtspopulistische Fortschrittspartei ist zu einem stimmenstarken Machtfaktor geworden, wenn auch weniger deutlich als etwa die Rechtspopulisten in Dänemark oder den Niederlanden.

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