Terror und Mord an einem Geistlichen : Frankreich ist ins Mark getroffen

Mit dem Mord an einem Priester in einer Kirche erreicht der islamistische Terror in Frankreich eine neue Dimension. Politiker warnen, das Land dürfe sich nicht in einen Bürgerkrieg hineinziehen lassen.

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Die Kirche von Saint-Etienne-du-Rouvray, der Tatort der mörderischen Geiselnahme
Die Kirche von Saint-Etienne-du-Rouvray, der Tatort der mörderischen GeiselnahmeFoto: dpa/EPA/Police Nationale/Handout

Am Dienstag hat der islamistische Terror in Frankreich eine neue Dimension erreicht. Bei einer Attacke in einer Kirche in Saint-Etienne-du-Rouvray in der Normandie, für welche die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) die Verantwortung übernahm, wurde einem über 80-jährigen Priester die Kehle durchgeschnitten. „Wir stehen einer Gruppe des IS gegenüber, die uns den Krieg erklärt hat“, erklärte Frankreichs Staatschef François Hollande, der sich noch am Vormittag nach Saint-Etienne- du-Rouvray begeben hatte.

Der Schock in Frankreich geht tief: Nach den zurückliegenden Anschlägen in der Hauptstadt und in Nizza, bei denen nacheinander Karikaturisten, Kunden eines jüdischen Supermarktes, junge Menschen im Pariser Konzertsaal „Bataclan“ und zuletzt Feiernde beim französischen Nationalfeiertag getötet wurden, haben Dschihadisten nun erstmals einen Vertreter der katholischen Kirche umgebracht.

Der Regionalpräsident der Normandie, der frühere Verteidigungsminister Hervé Morin, rang am Dienstagmittag sichtlich mit der Fassung, als nach dem Anschlag in der 29.000-Seelen-Gemeinde vor die Kameras trat. Der Anschlag in der Kirche treffe ein Land, das sich bereits am Rande des Bruchs befinde, sagte Morin. Frankreichs müsse angesichts des Terrors Gegenmaßnahmen ergreifen, bevor die Gesellschaft „in Flammen aufgeht“, erklärte er. Morin mahnte, dass sich die Franzosen von den Dschihadisten nicht „in eine Art Bürgerkrieg“ hineinziehen lassen dürften.

Polizei-Sondereinheit aus Rouen erschießt die Attentäter

Die beiden mit Messern bewaffneten Attentäter waren am Dienstag gegen 9.30 Uhr offenbar durch einen Hintereingang in die Kirche eingedrungen und hatten dort fünf Geiseln genommen. Während die Männer in die Kirche eindrangen, wurde dort eine Morgenmesse gefeiert. Einer Frau gelang es, zu flüchten und die Polizei zu benachrichtigen. Anschließend bildete die Polizei einen Ring um das Kirchengebäude. Als die beiden Attentäter wieder aus der Kirche rannten, wurden sie nach den Angaben eines Sprechers des Innenministeriums von einer Sondereinheit der Polizei aus Rouen erschossen.

Gotteshäuser gehören zu den erklärten Zielen des IS

Bei dem während der Geiselnahme ermordeten Geistlichen handelt es sich um den 1930 geborenen Jacques Hamel, der in der Gemeinde gelegentlich noch aushilfsweise als Priester tätig war. Eine weitere Geisel wurde von den Attentätern lebensgefährlich verletzt. Kirchen gehören zu den erklärten Zielen des „Islamischen Staats“. Bereits im April 2015 war ein damals 24-jähriger algerischer Student unter dem Verdacht festgenommen worden, einen Anschlag auf eine katholische Kirche in Villejuif südlich von Paris geplant und eine Passantin getötet zu haben.

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Tödlicher Anschlag auf Gottesdienst schockiert Frankreich
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Einer der Attentäter trug eine elektronische Fußfessel

Einer der Attentäter war nach französischen Medienangaben den Sicherheitsbehörden bekannt. Nach den Angaben des Senders iTele wurde der aus Saint-Etienne-du-Rouvray stammende Mann im vergangenen Jahr bei seinem Versuch, nach Syrien zu gelangen, in die Türkei zurückgeschickt. Anschließend habe er in Frankreich eine einjährige Haftstrafe verbüßt. Im März dieses Jahres sei er dann wieder freigelassen worden – mit der Auflage, eine elektronische Fußfessel zu tragen. Den Angaben zufolge habe er dabei die Erlaubnis gehabt, die elterliche Wohnung täglich zwischen 8.30 und 12.30 Uhr zu verlassen.

FN-Chefin Marine Le Pen äußerte sich als Erste zur Attacke in der Kirche

In Frankreich verschärfte sich mit dem Anschlag auf die katholische Kirche die Debatte um die Anti-Terror-Maßnahmen, die Hollande seit dem Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 ergriffen hat. Die erste, die sich nach dem Bekanntwerden der Bluttat geäußert hatte, war die Vorsitzende des rechtsextremen Front National (FN), Marine Le Pen, gewesen. Das Vorgehen der Geiselnehmer lasse ein neues Attentat der islamistischen Terroristen befürchten, twitterte sie. Auch die Nichte der FN-Chefin, Marion Maréchal-Le Pen, erklärte per Twitter: „Sie töten unsere Kinder, erschießen unsere Polizisten und schneiden unseren Priestern die Kehle durch. Wacht auf!“

Aber auch Hollande brauchte nicht lange, um auf die neuerliche Gewalttat zu reagieren. Am Vormittag, als die Urheberschaft des IS noch gar nicht offiziell feststand, machte sich der Staatschef gemeinsam mit seinem Innenminister Bernard Cazeneuve auf den Weg nach Saint-Etienne-du-Rouvray. Dort sprach er mit den Angehörigen der Opfer. Der Präsident hat einen besonderen Bezug zu Saint-Etienne-du-Rouvray, denn er stammt aus dem nahegelegenen Rouen. Nach dem Gespräch mit den Angehörigen erklärte er, dass alle Katholiken angesichts der Blutttat getroffen seien. „Aber alle Franzosen fühlen sich betroffen“, fügte er hinzu. Für den heutigen Mittwoch lud Hollande die Vertreter der wichtigsten Religionsgemeinschaften in den Elysée-Palast ein.

Hollande: "Wir werden diesen Krieg mit allen Mitteln führen"

„Wir werden diesen Krieg mit allen Mitteln führen“, erklärte der Staatschef angesichts des jüngsten islamistischen Angriffs in Frankreich. Zudem erklärte Hollande, dass Frankreich nicht das einzige Land sei, das vom islamistischen Terror heimgesucht werden. Deutschland sei ebenfalls betroffen, sagte er.
„Ganz Frankreich und alle Katholiken sind getroffen“, twitterte auch Ministerpräsident Manuel Valls. Dass mit einem Angriff in einer Kirche nicht nur der Ort in der Normandie getroffen wurde, sondern die ganze Nation getroffen ist, machte auch der Bürgermeister von Saint-Etienne-du-Rouvray deutlich. Das Gefühl der Erschütterung reiche über das Gebiet der Stadt hinaus, erklärte er.

Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, der bei der Präsidentschaftswahl 2017 die Nachfolge von Hollande antreten will, verschärfte derweil nach der Ermordung des Priesters seine Rhetorik. „Das ist ein Krieg“, erklärte der Vorsitzende der konservativen Partei „Les Républicains“ (LR). „Unser Feind kennt keine Moral“, betonte der frühere Staatschef. „Wir müssen unbarmherzig sein.“ Nach dem Anschlag von Nizza hatte sich Sarkozy mit Blick auf den Kampf gegen den IS noch gemäßigter geäußert.

Sarkozy drängt Hollande: Forderungen der Konservativen erfüllen

Sarkozy forderte, dass Hollande die Forderungen der LR bei der Terrorbekämpfung umsetzen müsse. Die konservative Opposition habe schon vor Monaten Vorschläge im Anti-Terror-Kampf gemacht, welche die Regierung nun „ohne Verzug“ umsetzen müsse, forderte Sarkozy. Nach dem Anschlag von Nizza hatten die Konservativen der Regierung erneut vorgeworfen, zu lax mit der islamistischen Gefahr umzugehen. Sarkozy hatte verlangt, dass potentielle Straftäter bereits dann unter behördliche Aufsicht gestellt werden müssten, wenn es lediglich einen Verdacht auf eine dschihadistische Radikalisierung gebe.

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