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Terrorgruppe "Islamischer Staat" : Zehntausende Kurden fliehen vor IS-Dschihadisten

Die von der Dschihadistengruppe "Islamischer Staat" verschleppten 49 türkischen Geiseln sind wieder frei. Derweil flüchten Zehntausende Kurden über die nordsyrische Grenze in die Türkei.

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Zehntausende Kurden flüchten über die nordsyrische Grenze vor Dschihadisten. Foto: AFP
Zehntausende Kurden flüchten über die nordsyrische Grenze vor Dschihadisten.Foto: AFP

Nach mehr als drei Monaten in der Gewalt der Dschihadisten-Miliz "Islamischer Staat" (IS) sind am Samstag fast 50 türkische Geiseln in ihre Heimat zurückgekehrt. In Ankara empfing Ministerpräsident Ahmet Davutoglu die Freigelassenen - 46 Türken und drei ausländische Mitarbeiter - und sprach von einem „Festtag“. Seine Regierung betonte, es habe keinerlei Gegenleistungen gegeben. Der IS erklärte dagegen, die Türkei habe ihr in Syrien und Irak ausgerufenes „Kalifat“ anerkannt und versprochen, nicht an den erwarteten Angriffen des Westens auf die Miliz teilzunehmen. Unterdessen trieben die Kämpfe in Nord-Syrien bis zu 70.000 weitere Flüchtlinge über die Grenze in die Türkei.

Ändert sich nun die bisher passive Haltung der Türkei?

Als Held des Tages wurde Öztürk Yilmaz gefeiert, der türkische Generalkonsul im nordirakischen Mossul, dessen Vertretung am 11. Juni von IS-Kämpfern eingenommen worden war. Yilmaz und 48 andere Mitarbeiter wurden von den Dschihadisten verschleppt und laut Medienberichten an mehrmals wechselnden Orten gefangen gehalten. Einige Geiseln berichteten, die IS-Kämpfer hätten Yilmaz mehrmals eine Waffe an die Schläfe gehalten und ihn damit zwingen wollen, eine von ihnen vorbereitete Erklärung zu verlesen, doch der Diplomat habe sich standhaft geweigert. Auf Yilmaz’s Gesicht waren am Samstag mehrere Schürfwunden zu sehen.

Nach dem Ende des Geiseldramas wird nun mit Spannung erwartet, ob sich die bisher sehr passive Haltung der Türkei innerhalb der internationalen Allianz zur Bekämpfung des IS ändern wird. Ankara hatte in den vergangenen Wochen mit Hinweis auf die Gefahr für die Geiseln eine direkte militärische Beteiligung am Vorgehen gegen die Dschihadisten und auch die Bereitstellung von Luftwaffenstützpunkten für Angriffe auf IS-Stellungen abgelehnt.

Die Geiseln reisten am Morgen aus Syrien – und nicht aus Irak – kommend in die Türkei ein; der IS beherrscht neben Teilen des Irak auch Gebiete im Nordosten Syriens. Türkische Medien berichteten, in den vergangenen Wochen seien mehrere vereinbarte Termine zur Übergabe der Geiseln wegen Gefechten zwischen dem IS und anderen Gruppen in den jeweils betroffenen Gebieten gescheitert. Schließlich habe ein neuer Plan für eine Übergabe in der Nacht zum Samstag den Durchbruch gebracht.

Der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu (links) besteigt auf dem Airport von Sanliurfa ein Flugzeug, in dem sich einige der befreiten Geiseln befinden. Foto: AFP
Der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu (links) besteigt auf dem Airport von Sanliurfa ein Flugzeug, in dem sich einige der...Foto: AFP

Unmittelbar nach der Freilassung begann in der Türkei eine Diskussion über die Umstände der Beendigung des Geiseldramas. Während regierungsnahe Medien die „Befreiungsaktion“ des Geheimdienstes MIT als Husarenstück ohne Hilfe ausländischer Geheimdienste lobten, wiesen Kritiker darauf hin, dass der IS die Geiseln offenbar von sich aus an den türkischen Geheimdienst übergeben habe. „Welche Gegenleistung gab es?“ fragte der regierungskritische Journalist Oguz Karamuk auf Twitter.

Kämpfe treiben neue Flüchtlingswelle aus Syrien über die Grenze

Die IS-nahe Internetplattform Takva Haber meldete, die Geiseln seien auf Befehl von IS-Chef Abu Bakir al-Bagdadi freigelassen worden. Das „Außenministerium“ des IS-„Kalifats“ habe in den vergangenen Monaten mit dem türkischen Geheimdienst MIT verhandelt. Die Türkei habe das Kalifat damit indirekt anerkannt und zudem erklärt, nicht an einer „Besatzungskoalition“ unter Führung der USA teilnehmen zu wollen.

Kritiker im In- und Ausland werfen der türkischen Regierung vor, radikal-islamische Gruppen wie den IS in der türkisch-syrischen Grenzregion lange toleriert zu haben, weil sie sich von diesen Organisationen einen raschen Sturz des syrischen Staatschefs Baschar-al-Assad versprach. Ankara weist die Vorwürfe zurück.

Erst am Freitag hatte die Türkei die Grenze zu Syrien für Kurden geöffnet, die vor dem IS im Grenzgebiet auf der Flucht waren. Bis zum Samstag erreichte die Zahl der Flüchtlinge nach offiziellen Angaben 45.000 Menschen; in Medienberichten war von bis zu 70.000 Menschen die Rede.

Ministerpräsident Davutoglu erklärte, die Türkei kümmere sich nicht nur um ihre eigenen Staatsbürger, sondern auch um Bedürftige aus anderen Nationen. Er rief die Weltgemeinschaft zum Handeln auf, um das Leid der Menschen in Syrien zu beenden. In der Türkei leben bereits rund 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge.

Auf der syrischen Seite der Grenze toben seit Tagen bei Ayn al-Arab (Kurdisch: Kobane) schwere Gefechte zwischen dem IS und der Kurdengruppe PYD, dem syrischen Arm der kurdischen Rebellengruppe PKK. Der IS versucht, Kurden aus dem Grenzgebiet zu vertreiben. Laut Medienberichten schickte die PKK rund tausend Kämpfer in das Gebiet, die an den Gefechten gegen den IS teilnehmen sollen.

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