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Terrormiliz "Islamischer Staat" : IS dringt wieder in syrisches Kobane ein

Im Januar wurde die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) aus Kobane im Norden Syriens vertrieben. Jetzt drangen IS-Kämpfer wieder in die kurdische Stadt vor.

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Die nordsyrische Kurdenstadt Kobane liegt in Trümmern.
Die nordsyrische Kurdenstadt Kobane liegt in Trümmern.Foto: dpa

Mehrere Dutzend Menschen – die meisten davon Frauen – standen am frühen Donnerstagmorgen in der kurdischen Stadt Kobane in Nord-Syrien um Brot an. So etwas wie Alltag hatte sich entwickelt in Kobane: Seit dem Ende der viermonatigen Belagerung der Stadt durch den "Islamischen Staat" (IS) im Januar ist Kobane in der Hand der Kurdenpartei PYD mit ihrem bewaffneten Arm YPG, viele kurdische Flüchtlinge sind heimgekehrt in die Stadt. Doch der Anschein der Normalität trog. Direkt neben den Wartenden in der Botschlange explodierte eine Lastwagenbombe - der IS meldete sich in Kobane zurück.

Insgesamt wurden rund 30 Menschen getötet

Die Bombe des IS-Selbstmordattentäters in dem Lastwagen unmittelbar am Grenzübergang von Kobane zum türkischen Ort Mürsitpinar war das Signal für einen koordinierten Angriff des IS auf Kobane. In mehreren Teilen der Stadt griffen Truppen der Islamisten, die sich teilweise in YPG-Uniformen unerkannt nach Kobane geschlichen hatten, die kurdischen Milizionäre an. Am Vormittag explodierte eine weitere Autobombe. Insgesamt wurden rund 30 Menschen getötet.

Gegen Mittag meldeten die Kurden, sie hätten die Oberhand gegen die Eindringlinge gewonnen. Auch in der rund 200 Kilometer östlich von Kobane gelegenen nordsyrischen Stadt Hassaka, einem Zentrum der Christen in Syrien und die größte Stadt in Nordost-Syrien mit einer halben Million Einwohnern, griff der IS am Donnerstag erneut an.

Die neue Offensive folgte auf mehrere Niederlagen des IS nahe seiner „Hauptstadt“ Rakka und auf einen Vormarsch der syrischen Kurden. Die YPG hatte vor zehn Tagen mit Unterstützung der US-geführten Syrien-Allianz die Grenzstadt Tal Abyad vom IS erobert und damit einen wichtigen Versorgungsweg für die Extremisten unterbrochen. Seitdem sind die Kurden weiter auf das rund 80 Kilometer südlich der türkischen Grenze gelegene Rakka vorgerückt und haben unter anderem die strategisch wichtige Kleinstadt Ain Isa erobert. Die Luftunterstützung der Alliierten für die YPG spielte bei den kurdischen Erfolgen eine wichtige Rolle.

Mit den Angriffen in Kobane und Hassaka versucht der IS nun, die Initiative zurückzugewinnen und den Druck auf Rakka zu mindern. Ob diese Aktionen den Beginn einer großflächigen Offensive markierten oder lediglich kurzfristige Entlastungsangriffe waren, ließ sich am Donnerstag noch nicht absehen.

IS-Kämpfer sollen 20 Kurden hingerichtet haben

Wie die die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, habe der IS zudem mindestens 20 Kurden, darunter Frauen und Kinder, hingerichtet. Die Exekutionen hätten am Donnerstag in einem Dorf südlich von Kobane stattgefunden. Die Dschihadisten hätten auch Bewohner des Ortes Barech Butan erschossen, die sich im Kampf gegen den IS bewaffnet hätten, hieß es weiter.

Wenige Stunden nach der Explosion der Lastwagenbombe in Kobane stand fest, dass sich das Misstrauen zwischen den syrischen Kurden und der Türkei weiter verschärft. Die türkische Regierung hatte die kurdischen Eroberungen in Nord-Syrien mit großer Besorhgnis beobachtet, weil sie die Geländegewinne als Vorbereitungen zur Gründung eines Kurdenstaates entlang der türkischen Grenze verstand. PYD und YPG sind syrische Ableger der türkisch-kurdischen Rebellengruppe PKK, die seit 1984 für kurdische Selbstbestimmung in Südostanatolien kämpft.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan stellt PYD und IS auf eine Stufe

Mehrere tausend Kurden aus der Türkei sollen sich der PYD angeschlossen haben. Präsident Recep Tayyip Erdogan stellt PYD und IS auf eine Stufe: Beide Gruppen seien Terrororganisationen.

Erdogan und regierungsnahe Medien in der Türkei werfen insbesondere den USA vor, mit Hilfe der Kurden in Syrien ein ganz eigenes Spiel zu spielen. Ankara und Washington sind sich in der Syrien-Politik uneins: Während die Türkei vor allem eine Bekämpfung der syrischen Regieurngstruppen von Präsident Baschar al Assad fordert, konzentrieren sich die USA voll und ganz auf die Schwächung des IS – und unterstützen deshalb die syrischen Kurden.

Kurdenvertreter erheben neue Vorwürfe gegen Ankara

Ihrerseits werfen die Kurden der türkischen Regierung vor, den IS zu unterstützen, um die syrischen Autonomiebestrebungen in Nord-Syrien zu unterminieren. Zum Teil gründet sich das Misstrauen der Kurden gegenüber der Türkei auf die Weigerung Ankaras, während der Belagerung Kobanes durch den IS zugunsten der kurdischen Verteidiger einzugreifen.

Kurdenvertreter erhoben nach den neuen Gefechten in Kobane am Donnerstag sofort neue Vorwürfe gegen Ankara. Die IS-Angreifer in Kobane sollen demnach über türkisches Territorium in die Stadt gelangt sein. So sagte Servan Dewris, Sprecher einer Miliz innerhalb der YPG, der britischen BBC: "Die IS-Mitglieder sind von der Türkei aus nach Kobane eingedrungen." Zum Beweis verwiesen kurdische Beobachter und Medien auf Fotos, die angeblich zeigten, wie IS-Kämpfer im türkischen Mürsitpinar die Grenze nach Kobane überquerten.

Die türkische Regierung weist die Vorwürfe zurück

Auch hieß es, der Lastwagen mit dem Selbstmordattentäter habe nur von der Türkei aus nach Kobane gelangen können. Auf Twitter wurden unter dem Hashtag #TerroristTurkey teilweise 8000 Kommentare pro Stunde registriert.

Die türkische Regierung wies die Vorwürfe einer Zusammenarbeit mit dem IS umgehend zurück. Erdogan-Berater Mustafa Varank betonte, mehrere Dutzend Verletzte seien nach der Explosion der Lastwagenbombe in Krankenhäusern auf der türkischen Grenze versorgt worden. Auch verwies Varank auf ein Video, das seiner Meinung nach eindeutig zeigte, dass der Bomben-Lastwagen vom Westen her nach Kobane kam, und nicht aus der Türkei.

Das Gouverneursamt im türkischen Sanliurfa erklärte ebenfalls, die Kämpfer des "Islamischen Staats" seien vom westlich gelegenen Jarablos nach Kobane gelangt. Doch an dieser Version wurden Zweifel laut: Der türkische Journalist Fehim Tastekin betonte, für Lastwagen sei die Verbindung zwischen Jarablos und Kobane unterbrochen, weil eine Straßenbrücke über den Euphrat zerstört sei.


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