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Terrorverdacht ohne Terroristen : Bisher keine IS-Kämpfer unter Flüchtlingen

Sind unter den Flüchtlingen massenhaft IS-Schläfer? "Es gibt keine strukturelle Unterwanderung", sagt ein Sicherheitsexperte. Der Verfassungsschutz warnt aber vor Agitation durch Salafisten.

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Eine Polizist in einer Aufnahmestelle in Moers (Nordrhein-Westfalen) macht ein Foto eines Flüchtlings bei seiner Registrierung.
Eine Polizist in einer Aufnahmestelle in Moers (Nordrhein-Westfalen) macht ein Foto eines Flüchtlings bei seiner Registrierung.Foto: Marius Becker/dpa

Greller könnte eine Schlagzeile über den Zustrom von Flüchtlingen kaum sein: „Islamic State reveals it has smuggeld THOUSANDS of extremists into Europe“ ruft das britische Massenblatt „Express“ aus dem Internet – Tausende Extremisten habe der IS mit den Flüchtlingen nach Europa geschleust.

In der Story, die sich lawinenartig im Netz verbreitet, wird ein anonymer Funktionär der Terrormiliz mit einer Horrorgeschichte zitiert. Versteckt zwischen harmlosen Flüchtlingen seien mehr als 4000 IS-Kämpfer in westliche Länder geschleust worden, habe der Kader mit dem gepflegten, pechschwarzen Bart berichtet und lächelnd hinzugefügt: „just wait...“, „wartet’s ab“.

Macht sich da die Boulevardpresse zum Handlanger von Terrorpropaganda? Abgesehen davon, dass der vermeintliche Schocker so neu nicht ist und schon im Januar vom US-Internetportal „BuzzFeed“ präsentiert wurde, erscheint die Zahl von 4000 IS-Schläfern im Westen grotesk übertrieben.

„Es gibt keine strukturelle Unterwanderung“, sagt ein hochrangiger deutscher Sicherheitsexperte trocken. Eine Umfrage in Sicherheitskreisen ergibt allerdings, dass Nachrichtendienste und Polizei den Hinweisen nachgehen, militante Islamisten seien mit Flüchtlingen aus Syrien nach Deutschland gelangt. Wie der Leiter des Berliner Verfassungsschutzes, Bernd Palenda, am Mittwoch in der rbb-Abendschau sagte, gebe es in der Hauptstadt bislang keinen Hinweis auf Schläfer des IS.

Hinweise kommen vor allem von Flüchtlingen

In Deutschland habe es bislang etwa 30 Verdachtsfälle gegeben, heißt es von Sicherheitsexperten, unter anderem in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Die Hinweise seien vor allem von Flüchtlingen gekommen, denen in ihren Unterkünften andere Flüchtlinge seltsam erschienen. Die Behörden hätten sich dann einige Personen genauer angeschaut, sagen Experten.

Doch bei den meisten der 30 Fälle habe sich der Terrorverdacht erledigt. „Da wollten sich Leute mit Gerede über den IS wichtig machen, andere haben nur einen schlechten Scherz von sich gegeben“, sagt ein Experte. Einige Hinweise würden allerdings noch weiter geprüft.

Weitgehend auszuschließen sei, dass der IS von seinen Territorien in Libyen aus Kämpfer mit Flüchtlingsbooten nach Europa schickt, sagt ein Fachmann. Die Machtbasen der Terrormiliz lägen zu weit östlich von der üblichen Flüchtlingsroute über das Mittelmeer nach Lampedusa.

Agitation von Salafisten unter Flüchtlingen bereitet Sorgen

Der IS selbst verdammt Muslime, die sich in den Westen absetzen: Freiwillig das Gebiet des Islam zu verlassen, sei eine „gefährliche, große Sünde“, heißt es in der neuen Ausgabe des IS-Internet-Magazins „Dabiq“. Der Text ist illustriert mit dem Bild des ertrunkenen Jungen vom Strand der türkischen Stadt Bodrum.

Die Terrormiliz sorgt sich allerdings weniger um den Tod von Kindern als um die angeblich im Westen lauernden Gefahren für die Moral der Muslime. Deren Kinder und Enkel würden bei den Ungläubigen bedroht von „Unzucht, Sodomie, Drogen und Alkohol“, behauptet der IS.

Sorgen bereiten den Behörden Versuche von Salafisten in Deutschland, Flüchtlinge zu agitieren: Nordrhein-Westfalens Verfassungsschutz warnt Heimbetreiber vor „Hilfswerken“, die sich mit Spenden das Vertrauen muslimischer Flüchtlinge erschleichen wollen. Auch der Leiter des Berliner Verfassungsschutzes, Palenda, berichtet von Versuchen durch Salafisten, erst Hilfe zu leisten, um später extremistisches Gedankengut zu verbreiten.

Lesen Sie auch ein Interview mit Innenminister Thomas de Maizière über Flucht und Ursachen, Integration und Sicherheitsrisiken.

Flüchtlinge in Europa
Flüchtlinge warten an der Grenze zwischen Kroatien und Slowenien.Weitere Bilder anzeigen
1 von 58Foto: AFP/Stringer
22.09.2015 10:33Flüchtlinge warten an der Grenze zwischen Kroatien und Slowenien.

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