Thüringens Verfassungsschutz : Helmut Roewer - Der Ex mit List und Lücke

Pannen, Intrigen: Thüringens Verfassungsschutz ist eine dubiose Behörde gewesen. Jetzt prasseln Vorwürfe auf Helmut Roewer ein, ihren früheren Chef. Er soll mitschuldig sein an der Entstehung der Nazi-Terrorzelle. Das empört ihn - er findet keine Fehler.

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Im Tollhaus. Was kann man Geheimdienstlern glauben? Das wird derzeit auch Helmut Roewer gefragt. Er war von 1994 bis 2000 Verfassungsschutzchef in Thüringen.
Im Tollhaus. Was kann man Geheimdienstlern glauben? Das wird derzeit auch Helmut Roewer gefragt. Er war von 1994 bis 2000...Foto: dapd

Plötzlich wirkt der Mann zerbrechlich, ja geradezu hilflos. Drei Stunden dauert das Gespräch mit ihm bereits, aber zum ersten Mal hat man das Gefühl, dass Helmut Roewer die Worte fehlen, dass er keine Erklärung hat. Es sieht jetzt aus, als ringe der Bürger Roewer mit dem ehemaligen Thüringer Verfassungsschutzchef Roewer um die richtigen Sätze. Die ganze Zeit hat er souverän seine Antworten gegeben, nun stöhnt er kurz auf und sagt: „Ich suche ernsthaft nach meinem Fehler, aber ich finde ihn nicht.“

Der Mann, den jetzt die halbe Republik mitverantwortlich dafür macht, dass die Nazi-Terrorzelle aus Jena/Zwickau überhaupt entstehen und später morden konnte, sagt kleinlaut, er sei doch genauso empört wie alle.

Es könnte ein Augenblick ehrlicher Besinnung sein. Dann fällt einem ein, was Roewer am Anfang dieses Treffens in einem Hotel in Weimar, Thüringen, gesagt hat. Dass Geheimdienste nun mal Dinge tun dürfen, die normale Bürger nicht dürfen, Tarnfirmen gründen etwa oder falsche Tatsachen vorspiegeln. Auch er hat das getan, ausgiebig, dafür musste er sich sogar vor Gericht verantworten, obwohl sein Tun, beispielsweise die Gründung einer Tarnfirma, aus seiner Sicht von den Gesetzmäßigkeiten des Amtes gedeckt war. Am Ende wurde das Verfahren gegen eine Zahlung von 3000 Euro eingestellt. Jedenfalls lügen und betrügen Geheimdienstler sozusagen von Amts wegen. Kann man ihnen also überhaupt nur ein Wort glauben, auch wenn sie schon lange nicht mehr im Amt sind?

Roewer holt einen, im geringelten Pulli mit Sakko und rotem Schal, sogar vom Gleis am Bahnhof ab. Man fühlt sich ein bisschen wie in einem konspirativen Film, weil er ja ein Geheimdienstler war, ein oberster Schlapphut sozusagen, aber es geht hier nicht um Fiktion, sondern um zehnfachen Mord, um ein unfassbares Versagen deutscher Behörden. Um das Entstehen einer Terrorzelle vor den Augen der Verfassungsschützer, die alle Beteiligten kannten.

Es gibt über Helmut Roewer schon viele geschriebene Urteile. Wenn man Menschen nach ihm fragt, fehlt selten der Hinweis, dass er ein komischer Vogel sei, der mit bizarren Auftritten von sich reden machte. 1999, als Weimar Kulturhauptstadt Europas war, ist er im Ludendorff-Kostüm mit Pickelhaube aufgetreten. Gern wird verschwiegen, dass er gleichzeitig Ludendorffs Pferd spielte, das Pferd wiederum nichts Gutes über seinen Herren zu sagen hatte und an 99 anderen Stellen der Stadt ähnliche historische Comedy aufgeführt wurde.

Roewer tauchte auch auf bei einer rechten Demonstration und machte Fotos, angeblich, weil gerade kein anderer Mitarbeiter zur Verfügung stand, prompt wurde er selbst fotografiert und landete auf dem Titel der „Bild“. Er soll,so lauten Vorwürfe, selbst V-Männer geführt und über eine eigene Handkasse in seinem gepanzerten Präsidentenschrank verfügt haben. Aber ist das nicht die Aufgabe, Informanten anwerben? Roewer sagt, dass er „in wenigen Einzelfällen Kontakte zu V-Männern hatte. Das ist kein piekfeines Geschäft, weil Sie es mit Menschen zu tun haben, die andere gegen Geld verraten.“

Roewer gilt seinen Gegnern auch als „Grenzgänger nach rechts“, der den Rechtsextremismus verharmlose. Es gibt dafür keine Beweise, nur Indizien. Die Linke sagt, der thüringische Verfassungsschutz unter Roewer habe die Gründung der rechtsextremen Organisation „Thüringer Heimatschutz“ selbst betrieben. Fraktionschef Bodo Ramelow etwa, der selbst vom Verfassungsschutz bespitzelt wurde, sagt: "Der Verfassungsschutz hat die rechte Szene in Thüringen durch die lasche Haltung zur rechten Gewalt und über die gut bezahlten V-Männer erst wirklich stark gemacht."

Jedenfalls haben alle diese Urteile und Vorurteile den Ruf Roewers ruiniert. Und so ist der Mann, 61 Jahre und von fast zierlicher Statur, auch gekommen, um sich zu wehren. Er tut dies meist gelassen im roten Sessel sitzend, das schmale Kreuz durchgedrückt, er redet ohne Eile und nur selten mit Bitterkeit. Er kann sehr selbstironisch sein, und wenn er dann lacht, sind seine ohnehin schmalen Augen kaum noch zu sehen. Ein dröger Beamtentyp sitzt einem hier wohl eher nicht gegenüber. Eher ein stolzer, mit Sicherheit ein in seinem Stolz gekränkter Herr.

Die Spur der Neonazi-Mörder
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20.03.2013 13:59November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht...

An die entscheidenden Tage im Februar 1998, als die Thüringer Polizei in Jena eine Garage öffnen ließ, in der sie 1,4 Kilo TNT fand und endgültig klar wurde, dass das Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bereit zum Töten war, erinnert sich Roewer noch ziemlich genau. Ein Mitarbeiter habe ihm berichtet, man sei ziemlich sicher, dass die Verdächtigen Sprengstoff hätten. Und man wisse auch, wo. Roewer sagt, er habe sofort veranlasst, dass diese Information unverzüglich an die Polizei zu gehen habe. Er sei sicher gewesen, dass die Polizei zupacken würde.

Aber was passierte dann? Erfahren Sie mehr auf der nächsten Seite.

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